Interviews

Chez Carola //
Wie es ist, fünf Kinder zu haben.

Carola ist eine dieser Mütter, bei der man sich fragt: „Wie schafft sie das?“ Eine Geschichte von purem Glück, viel Organisation und wie man mit der ersten Liebe glücklich wird.

Ich lernte Carola an einem Fest kennen, als ich von Familiengründung noch weit entfernt war. Doch schon damals faszinierte mich diese intelligente, eloquente und strahlende Frau, die in ausgelassener Stimmung das Fest genoss und gleichzeitig fünf kleine Mädchen zu Hause hatte. Ich wollte, traute mich aber nicht zu fragen: „Wie schaffst Du das alles?“

Sie studierte Sport an der ETH, ist Mutter von fünf Mädchen und seit 27 Jahren mit ihrer grossen Liebe zusammen. Obwohl ihr Mann als Unternehmer abends oft im Büro bleiben muss und sie kein Kindermädchen haben, sieht ihr Haus wie aus einem Schöner-Wohnen-Beitrag aus. Sie selber strahlt so viel Ruhe, Gelassenheit und Schönheit aus, wie es sonst nur kinderlose Yoga-Lehrerinnen tun. Erst mit dem dritten Kand kam einmal die Woche eine Putzfrau und mit dem Fünften zog kurzzeitig ein Au-Pair ein. Und vor einem Jahr, da war ihr jüngstes Mädchen bereits sechs, hörte sie auf als Sportlehrerin zu arbeiten – weil es zu viel wurde und sie Zeit für sich selber brauchte.

Das alles inspiriert ungemein, schüchtert aber auch etwas ein. Vor allem, wenn ich selber zuhause mit nur zwei Kindern plus chaotischem Ehemann ein Chaos beherberge. Höchste Zeit Carola ein paar richtig intime Fragen zu stellen:

Chez Mama Poule: War es damals sehr stressig sich gleichzeitig um ein trotzendes 2-Jähriges, ein unselbständiges 1-Jähriges und ein hilfloses Neugeborenes zu kümmern?
Ich glaube mit Zwillingen oder Drillingen brennt es wirklich überall. Aber meine kamen ja schön nacheinander. Und ich hab nichts anderes gemacht als mich auf die Familie zu konzentrieren. Jede Schwangerschaft gab mir so viel Push, das erste Jahr mit Baby bin ich wie geflogen. Wir hatten sicher auch Glück, die Kinder schliefen sehr gut, es stimmte alles.

Und mit dem Vierten?
Da spürte ich zum ersten Mal: Vier sind mehr als drei. Die Wohnung wurde zu klein, wir brauchten ein neues Auto, passten in den Ferien nicht mehr in ein Hotelzimmer, konnten auf einmal keine Flüge online buchen, ich hatte noch zwei Kinder in Windeln. Beim Fünften war es dann wieder wie gewohnt easy.

Jede Schwangerschaft gab mir so viel Push, das erste Jahr mit Baby bin ich wie geflogen. 

Wie sieht euer typischer Tag aus? 
Mein Mann Thomas geht um 5 Uhr aus dem Haus, ich stehe um 6.15 auf, mache um 6.30 das Frühstück. Kinder wachen um diese Zeit von alleine auf, ziehen sich an, machen ihre Betten. Von 6.50 bis 7.30 wird ausgiebig gefrühstückt und der Tag besprochen: Wer geht mit wem nach Hause, macht was nach der Schule, hat welche Prüfungen. Thomas schaltet sich per Telefon zu uns. Frühstück ist uns wichtig, da am Mittagstisch selten alle fünf da sind. Danach bringe ich alle zu Fuss in die Schule. Gegen 16 Uhr trudeln alle wieder ein, setzen sich an den Esstisch, essen z’Vieri, machen Hausaufgaben. Danach gehen die einen in ihre Stunden: Akrobatik, Reiten, Tennis, Fussball. Je nach dem ist dann nur ein Kind zu Hause. Das liebe ich, dann hat man eine schöne Zeit zu zweit. Am Abend treffen wir uns alle zum zNacht, zwei bis drei Mal die Woche ist Thomas dabei.

Bleibt da noch Zeit für dich?
Oh ja, extrem viel. Das ist wichtig, denn wenn ich als Mutter „bröckle“, dann „bröckelt“ die ganze Familie mit. Ich gehe drei Mal die Woche morgens reiten – ein riesiges Privileg! Ich habe wirklich das Gefühl auf nichts verzichten zu müssen.

Bei der ersten Schwangerschaft beschäftigten mich gefühlte 100 Fragen, bei der zweiten nur eine: Wie schaffe ich es, meine Erstgeborene nicht allzu sehr zu vernachlässigen?
Das war bei uns gar kein Thema. Die Ältere musste auf nichts verzichten. Es war eher so, dass der Säugling einfach mitkam und sich dem bestehenden Programm anpasste. Ich habe die Ältere beispielsweise nie ermahnt ruhig zu sein, weil das Baby schläft. Ausserdem haben wir die älteren Kinder komplett involviert, sei es beim Wickeln oder Schoppen geben. Beim Stillen, sass die Ältere nebendran und wir lasen ein Büchlein. Es verliert ja niemand eine Position, sondern gewinnt eine dazu – als Schwester.

Gab es bei fünf Mädchen nie Eifersucht?
Nein, nie. Bei fünf Kindern kann man nicht alle „gleich“ behandeln. Jedes ist ein Individuum und hat eigene, ein bisschen andere Bedürfnisse. Wenn ich irgendwo ein Paar Turnschuhe sehe, die genau für die eine Tochter passen, dann kriegt nur sie diese. Und es wird nie von den anderen gefragt, warum kriege ich nicht auch etwas.

Eine stabile Beziehung der Eltern ist das Fundament der ganzen Familie.

Du hast Thomas mit 13 Jahren kennengelernt, ihr seid nun 27 Jahre zusammen und habt fünf Kinder grossgezogen. Was ist Dein Tipp für die ewige Liebe?
Ein Grossteil der Liebe ist Neugier. Diese zu erhalten, ist eine grosse Arbeit. Erinnerst Du Dich, wieso Du Dich in Deinen Partner verliebt hast? Etwas hat Dich körperlich wie menschlich begeistert. Genau diesen Reiz, diese Neugier sollten wir zurückholen und erhalten können. Als Eltern haben wir die Pflicht uns um ein gutes Familienklima zu kümmern. Eine stabile Beziehung der Eltern ist das Fundament der ganzen Familie.

Hast Du einen konkreten Tipp für Beziehungspflege?
Wir hatten immer sehr viel Zeit zu zweit. Als Kleinkinder waren sie ab 18 Uhr im Bett und der Abend gehörte uns. Wir gehen aber auch heute noch einmal in der Woche zu zweit Abendessen. Das kann auch nur was ganz Kleines sein.

Nach der Geburt war für mich Sex erst mal kein Thema, wie war das bei euch? Du warst ja praktisch sechs Jahre dauerschwanger oder am Stillen? 
So ging es mir nicht, ich wurde ja mit der zweiten Tochter schwanger, als die erste vier  Monate alt war (lacht). Wir haben auch kein Familienbett, das Schlafzimmer gehört nur Thomas und mir. Früher als die Kinder noch klein waren, hing an unserer Schlafzimmertür ein wendbares Schild: Grün heisst, dass gerade die ganze Familie im Schlafzimmer willkommen ist. Rot hingegen, dass die Eltern gerade Gespräche führen und ihre Zweisamkeit pflegen.

Wie viel Mutter und wie viel Lebenspartnerin stecken in Dir?
Ich glaube am meisten Lebenspartnerin. Ich begleite meine Kinder und liebe sie über alles. Mein Ziel ist es meinen Kindern Flügel zu geben und ganz viel Selbstvertrauen. Aber fliegen müssen sie selber. Und am Schluss verlassen sie das Nest. Was mir dann bleibt, ist mein Lebenspartner. Und ich freue mich auf die zwanzig Jahre alleine mit Thomas, die mal auf uns kommen.

Die Reiseapotheke ist der grösste Teil unseres Reisegepäcks.

Koffer Packen für fünf Kinder stell ich mir als eine rechte Aufgabe vor – was ist dein ultimativer Pack-Tipp? 
Eine gute Reiseapotheke mitnehmen! Das ist der grösste Teil unseres Reisegepäcks. Ich lass mir vom Kinderarzt ein Basis-Antibiotikum verschreiben, das alles abdeckt. Weitere must-haves sind: Antibiotische Ohrentropfen, Augentropfen, Algifor, Mückenspray. Beim ersten Kind hast Du das Gefühl, alles dabei haben zu müssen. Heute reisen wir aber so, dass manchmal ich und Kinder nur einen Koffer teilen. 

Verrätst Du uns Deinen wertvollsten Lifehack, um den Alltag zu erleichtern? 
Am Ende ist ja alles eine Frage der Organisation. Deshalb: Für alles etwas zu viel Zeit einplanen, um nicht in Stress zu kommen. Einen Schritt im Voraus denken, auch bei kleinen Dingen. So decke ich den Tisch für das Frühstück noch am Abend und lege alle Schwimm-, Ruck-, und Schulsäcke für den nächsten Tag bereit.

Eigentlich müssten wir gar nie erziehen, wenn wir stets super Vorbilder wären.

Was ist die grösste Herausforderung einer Grossfamilie?
Alles zu timen, nichts zu vergessen und dabei die Vorbildfunktion zu wahren. Eigentlich müssten wir gar nie erziehen, wenn wir stets super Vorbilder wären. 

Wie hat dich das Muttersein verändert?
Die Frage müssen wir streichen! (lacht) Ich wüsste nämlich gar nicht: Was wäre ich sonst? Muttersein lernte mich enorm vieles und hat mich zu dem gemacht, was ich heute bin.

Zum Schluss noch dein erster Gedanke zum Thema..
..Familienbett? Gehört Thomas und mir.
..Impfen? Auf jeden Fall.
..Erziehungsratschläge? Bin ich weniger dafür.
..Stillen? Top!
..Helikoptereltern? Nicht so meins.
..selbstgebackene Geburikuchen? Herrlich, aber genauso gut aus dem Laden.
..Vereinbarkeit? Riesengrosse Herausforderung.
..Regretting motherhood? Was ist das?
..das Nervigste am Muttersein? Nach einem ausgedehnten zNacht die ganze Küche aufräumen.
..das Schönste dran? Genau dort zu sein, wo man will.

Carola (40) kommt aus Liechtenstein, studierte an der ETH Sport und arbeitete als Sportlehrerin. Als sie 13 Jahre alt war, lernte sie ihren künftigen Ehemann Thomas kennen. Heute lebt sie mit ihm und ihren fünf Mädchen Luise (7), Leonor (9), Leni (10), Livia (12) und Lisa (13) in Zürich.

Dieser Text erschien erstmals in veränderter Form auf wireltern.ch

Ellen Girod

Ellen Girod ist eine freie Journalistin und Mutter. Sie fühlt sich geschmeichelt, wenn man sie als “Gluggere” bezeichnet.

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