Interviews

Chez Cinthia //
Wie es ist, Hauptverdienerin zu sein.

Langzeitstillen, Tragen, Familienbett, Brei- und Windelfrei: Kinder die so aufwachsen, brauchen eine Mutter, die dauernd zu Hause ist. So die gängige Meinung. Cinthia zeigt: Es geht auch anders. Und zwar, wenn der Partner zu Hause mehr Verantwortung übernimmt. 

Cinthia_Hauptverdienerin_www.chezmamapoule.com

Bilder von Simona Dietiker

 

Eine Hauptverdienerin zu sein, entspricht ganz und gar nicht dem Klischee einer gluckenhaften Attachment-Parenting-Mama. Denn arbeitenden Mütter wird auch heute noch schnell mal das Prädikat „Rabe“ vergeben. Und wer seine Kinder trägt, lange Stillt und im Familienbett schlafen lässt, wird oft als unmoderne Glucke abgestempelt – die Story hinter dem Namen dieses Blogs übrigens. Nicht bei Cinthia: Ihre Kinder wachsen bedürfnisorientiert auf, ihr Mann betreut die Kinder, sie bringt das Geld nach Hause. Eine Frau die unserem Ruf der Attached-Parents gut tut!

 

Ich kenne Cinthia aus den FB-Gruppen Stillen Schweiz und Plaudergruppe von Stillen Schweiz, wo sie als Admin unermüdlich andere Mütter auf ihrem Weg zu einer bindungs- und bedürfnisorientierten Elternschaft bestärkt. Als ich gehört habe, dass sie die Hauptverdienerin ist und bereits fünf Monate (Anmerkung der Redaktion: In der Schweiz endet der Mutterschutz nach 3.5 Monaten), nach der Geburt ihrer Jüngsten arbeiten ging, wollte ich mehr über ihr Leben erfahren. Und lud Cinthia zu diesem Gespräch ein.

Chez Mama Poule: Ihr lebt Patchwork. Erzähl mal, wie ist es dazu gekommen?
Cinthia: Ich wurde mit 19 schwanger. Es war recht schnell klar, dass aus einer Familiengründung mit dem Kindsvater nichts wird und eine Abtreibung für mich nicht in Frage kommt. Zum Glück stand meine Familie hinter mir. So habe ich schwanger meine Lehrabschlussprüfung absolviert und bin dann zu meinem Mami gezogen. Als meine erste Tochter jährig war, zogen wir in eine eigene Wohnung. Drei Jahre später lernte ich meinen Ehemann, Neckys, kennen. Eineinhalb Jahre danach kam unser Sohn und nochmals zweieinhalb Jahre später unsere jüngste Tochter zur Welt.

Für Dich als eine 19-Jährige war es bestimmt ein Schock, von der Schwangerschaft zu erfahren?
Nicht einmal, denn im Vorfeld wurden in meiner Brust zwei Tumore entdeckt. Im Rahmen einer MRI-Untersuchung wurde ein Schwangerschaftstest durchgeführt. Dabei kam es heraus, dass der Tumor gutartig ist und dass ich schwanger bin. Entsprechend war die Erleichterung keinen Krebs zu haben grösser, als die Überraschung, dass da ein Baby unterwegs zu mir war.

Die Erleichterung keinen Krebs zu haben, war grösser als die Überraschung schwanger zu sein.

Hast du ein gutes Verhältnis zum Vater deiner ältesten Tochter?
Wir pflegen jetzt keine Freundschaft, aber führen einen sachlichen Umgang was unsere Tochter angeht. Mir ist wichtig, dass sie eine Beziehung zu ihrem leiblichen Vater hat.

Wie war das für Deinen Ehemann, dass Du eine Tochter in die Beziehung mitbringst?
Am Anfang war das für ihn klar ein Thema. Vor allem die Tatsache, dass meine Tochter eben eine Beziehung zu ihrem leiblichen Vater hat und dass da ein anderer Mann in ihrem Leben ist, der eine Rolle spielt.

Wie seid ihr damit umgegangen?
Für mich war es eine Gratwanderung, um meinem Partner gerecht zu werden, den leiblichen Vater zu respektieren und dabei den Fokus auf meine Tochter zu wahren. Das Wichtigste für mich war, dass es ihr gut geht. Klar war es nicht immer einfach, aber schlussendlich sind wir da alle reingewachsen. Es war ähnlich, wie bei der Geburt eines Babys, das alles durcheinanderbringt: Es braucht seine Zeit bis alle erstmal ankommen, merken wie weit sie gehen können, wo ihre eigenen Grenzen liegen.

Und wie war es für Deine Tochter, als ihre Mama plötzlich einen Mann hatte?
Sie erzählte anfangs, dass ein Mann unsere Wohnung ansah und die so toll fand, dass er gleich bei uns eingezogen ist (lacht). Und sie hat ihn ziemlich schnell als ihren Papi angenommen, da er sie in den Kindergarten brachte und für sie kochte und all die Dinge tat, die Väter eben tun. Und auch er war stolz. Wenn Fremde ihn auf seine herzige Tochter ansprachen, ging er nicht gross ins Detail.

 

Wie klappt alles heute?
Heute hat meine Tochter zwei Väter. Papi (das ist mein Ehemann) und Daddy (das ist ihr leiblicher Vater). Sie fragte anfangs, weshalb die anderen Kinder nur einen Vater haben und sie zwei. Ich habe ihr erklärt, dass ihr Daddy der biologische sei und ihr Papi der Herzenspapi. Und dass es ja eigentlich sehr cool ist, dass sie zwei Väter hat, die beide nur das Beste für sie wollen. Und mittlerweile findet sie die Sache mit ihren beiden Vätern ziemlich cool.

Mittlerweile findet meine Tochter die Sache mit ihren beiden Vätern ziemlich cool.

Du bist die Hauptverdienerin, was gerade in der Schweiz immer noch ungewöhnlich ist. Wie kam es dazu?
Ein Tag vor der Geburt unseres Sohnes erhielt mein Mann die Kündigung. Die Druckerei in der er als Maschinenführer arbeitete, musste Arbeitsplätze abbauen. Ich hätte theoretisch bis zu zwei Jahre unbezahlt nehmen können, geplant war ein Jahr zu Hause. Aber für mich war es klar, dass es keinen Sinn macht, dass Neckys sich nun einen neuen Job suchen muss, in dem er nicht glücklich wird. Ausserdem würde er mit einem Vollzeit-Pensum weniger verdienen, als ich mit einem Teilzeitpensum. Als mein Sohn sechs Monate alt war, nahm ich wieder meinen 70-Prozent-Job an.

Wieso verdient Dein Partner weniger als Du?
Er setzte als Jugendlicher auf Fussball-Karriere und schloss keine Ausbildung ab. Ausserdem ist seine dunkle Haut – was heute ja eigentlich kein Thema sein sollte – eben leider doch ein Thema bei der Jobsuche.

Wie schaffst Du es mit einem 70-Prozent-Pensum eine fünfköpfige Familie zu ernähren?
Wir wohnen im Haus meines Vaters, geniessen einen tiefen Mietzins. Und wir schränken uns recht ein. Ferien liegen bei uns beispielsweise nicht drin. Denn mir ist es wichtiger, dass ich nicht am Limit laufe, 100 Prozent arbeite und wir können dafür zwei Mal im Jahr in die Ferien. Lieber weniger arbeiten, dafür haben wir das ganze Jahr hindurch Quality Time und mehr voneinander.

Lieber weniger arbeiten, dafür haben wir das ganze Jahr hindurch Quality Time.

Habt ihr bewusst entschieden, dass Dein Mann zu Hause die Kinder betreut? Warum geht er nicht auch arbeiten?
Einerseits würde sein Lohn komplett für die Kinderbetreuung draufgehen, was sich für uns nicht lohnt. Andererseits wollen wir nicht, dass unsere Kinder die Mehrheit von ihrer Zeit bei fremden Leuten verbringen und wir nichts von ihnen haben.

Und wie geht es Deinem Mann in der Rolle des Hausmanns?
Er geht in der Rolle recht auf. Er hat sich eine App runtergeladen mit gesunden Rezepten und kocht Gemüse für die Kinder. Er lässt sich voll auf sie ein, spielt mit ihnen, tobt rum. Er kann sie auch am Abend ins Bett bringen, auch die Jüngste. Das „musste“ er ja als Hausmann auch lernen.

 

Ein hartnäckiges Vorurteil ist: Verdient frau mehr, führt das zu Krach in der Beziehung. Wie sieht es bei euch aus?
Als unser Sohn auf die Welt kam, verlor mein Mann die Rolle des Ernährers. Vor allem an Anfang hatte er Mühe damit, dass ich diejenige bin, die Geld nach Hause bringt. Ich glaube im Mann ist es drin, der Ernährer sein zu sollen. Dazu kommt natürlich der gesellschaftliche Druck. Ich habe ihm immer erklärt, dass ich unsere Jobs als ebenwürdig sehe. Dass das was er zu Hause leistest, genauso wichtig sei, wie das was ich im Büro mache. Er legt den Grundstein für unsere Kinder, für das was aus ihnen wird. Und genauso wichtig, dass ich finanziell dafür sorge, dass wir etwas zu essen auf dem Tisch haben, genauso wichtig ist es, dass unsere Kinder gut betreut werden und liebevoll aufwachsen dürfen. Mittlerweile konnte ich ihn davon überzeugen. Krach haben wir nicht deshalb, sondern wegen anderen Dingen, wie Kleinigkeiten oder mangelnder Kommunikation.

Was mein Mann zu Hause leistest, ist genauso wichtig, wie das was ich im Büro mache.

Du hast beim dritten Kind bereits nach fünf Monaten, angefangen zu arbeiten, wie ging es dir dabei?
Am Abend vorher konnte ich heulen, schreien, kotzen. Ich habe meine Kleinste nur schon beim Gedanken an die Arbeit vermisst. Es fiel so schwer positiv zu bleiben. Es war sehr schwer loszulassen, denn gerade bei ihr hatte ich das Gefühl, die Zeit sei geflogen. Ich hatte das Gefühl mein drittes Kind viel weniger genossen zu haben.

Am letzten Abend meines Mutterschaftsurlaubes konnte ich heulen, schreien, kotzen.

Hast Du irgendetwas für Deinen ersten Arbeitstag vorbereitet?
Drei Wochen vor dem Arbeitsbeginn fing ich an Milch abzupumpen. So standen im Kühlschrank über 700 Milliliter frische Muttermilch, im Tiefkühler hatte ich etwa 3 Liter gefroren. Vier verschiedene Schoppen lagen zur Auswahl bereie, ein Schnapsglas, ein Löffel. Die Tragehilfen (Mysol und Milamai) lagen bereit. Die Stoffwindeln waren gewaschen und ready, ebenso das Töpfchen. Meine Tasche mit Pumpzeug war gepackt und bereit.

Und wie lief es dann, als Du weg warst?
Anfangs fand meine Tochter den Schoppen doof, mit dem Becher konnte Neckys sie besser füttern. Mittlerweile nimmt sie den Schoppen. Wenn ich zu Hause bin, gibt es klar nur Brust.

Was hast Du aus der Sache gelernt?
Etwas vom wichtigsten, wenn frau wieder arbeiten geht: Das Vertrauen zu haben. Das Vertrauen, dass das Kind nicht verhungern wird, dass alles irgendwie klappen wird. Dass es schwerfällt und frau weinen muss, ist normal. Aber ich hatte nie Angst, dass es meinen Kindern schlecht gehen wird in dieser Zeit. Die Kinder spüren alles.

Etwas vom wichtigsten, wenn frau wieder arbeiten geht: Das Vertrauen zu haben.

Und wie geht es dir heute? Bist froh, um den Ausgleich oder willst du eure Arbeitsaufteilung am liebsten ändern?
Schön wäre es, wenn wir uns ein wenig aufteilen würden und je 60 Prozent arbeiten. Die Kinder wären dann einen Tag in der Woche bei meinem Vater oder Schwester, allenfalls auch bei einer Tagesmutter. Wir planen, dass Neckys im nächsten Sommer eine Ausbildung beginnt. Wir informieren uns jetzt nach Wegen und Möglichkeiten. Dass er aber wieder 100 Prozent arbeitet, möchte ich nicht. Denn diese Beziehung die er mit den Kindern aufbauen konnte, sie ist unbezahlbar.

Diese Beziehung die mein Mann mit den Kindern aufbauen konnte, sie ist unbezahlbar.

Und was würde ihn interessieren? (Vielleicht befindet sich ja unter unseren Leser*innen seine zukünftige Arbeitgeber*in..)
Er ist sehr offen. Eine Lehre als Automechaniker fände er toll, da er sich sehr für Autos interessiert und die Kenntnisse aus der Lehre auch privat nutzen könnte. Und unser Sohn ist so ein Auto-Fan und hätte auch seine Freude (lacht).


Verrätst Du Deine besten „Mom-Hacks“ für alle Mamas, die mit einem Stillkind in den Arbeitsalltag zurückkehren?
Die Rechte zu kennen (ab sieben Stunden Arbeitszeit hat frau Recht auf 90 Minuten bezahlte Pumpzeit) und diese mit dem Arbeitgeber gut abzusprechen. Eine gute Pumpe zu haben, deren Haube zur Brustgrösse passt. Für das Psychische einen kleinen Vorrat im Kühlschrank anlegen, um nicht unter Druck zu geraten, falls mal etwas weniger beim Pumpen kommt. Und ganz wichtig: Verstehen, dass Ausstreichen nichts mit Streicheln zu tun hat, sondern ein eigentliches Melken ist. Wenn frau diese Technik kennt, kommt auch keine Panik auf, wenn die Pumpe mal nicht funktioniert.

Als zweifach-Mutter empfinde ich die Kinder als eine richtige Probe für die Beziehung. Ihr habt drei, macht ihr bewusste Beziehungspflege?
Natürlich ist die Babyzeit intensiv, für alle. In diesem Lebensabschnitt ist die Paarzeit nun mal nicht prioritär. Und wir finden nicht, dass wir viel zu kurz kommen und wissen ja auch, dass diese Babyzeit wieder schnell vorbeigehen wird. Wahrscheinlich schneller als wir denken. Aber im Alltag versuchen wir unsere Inseln zu schaffen. Neu fingen wir an Serien zu schauen, wenn alle drei Kinder mal schlafen.

Wir wissen ja, dass diese Babyzeit wieder schnell vorbeigehen wird.

Machen wir auch. Was schaut ihr?
Modern Family! Das ist sehr witzig und wir erkennen uns auch immer selber in den Protagonisten.

Ja, die Serie lieben wir auch. Zurück zum Stillen. Das ist Dir ein Anliegen. Warum engagierst Du Dich so unermüdlich in der (äusserst beliebten) FB-Gruppe „Stillen Schweiz“?
Beim ersten Kind wurde ich – wie viele andere – schlecht beraten, ich kannte die La Leche League nicht, wusste nicht, dass es sowas wie Stillberaterinnen überhaupt gibt. Es hiess Stillen nach Zeitplan, wenn das Baby schreit Tee und Nuggi geben und so stillte ich dann relativ schnell ab. Beim zweiten Kind hatten wir Glück mit der Hebamme die mich unterstützte, das Stillen klappte, ich ging irgendwann zu einem Stilltreffen und lernte dort tolle Mütter kennen, die mich darin bestärkten, dass das Stillen etwas sehr Natürliches sei. Aus dieser Erfahrung heraus, entstand das Bedürfnis anderen Mütter zu helfen und sie dabei zu unterstützen, ihre Entscheidungen nicht aufgrund von Ammenmärchen, sondern korrekten Informationen zu treffen.

Als Admin einer solchen Gruppe investierst Du extrem viel Zeit und bekommst kein Geld dafür. Ein undankbarer Job?
Undankbar würde ich es nicht bezeichnen, denn wenn Rückmeldungen von Frauen kommen, dass sie ohne mich nicht mehr Stillen würden, gibt mir das sehr viel. Ich mache das aus Überzeugung, für mich, weil es mir ein gutes Gefühl gibt. Weil ich gerne weitergebe, was ich gelernt habe, was ich erlebt habe.

Was ist das Mühsamste am Muttersein?
Einen 3-Jährigen leidenschaftlichen FKKler anzuziehen versuchen, um raus zu gehen. In der Regel rennt er dann einfach halbnackt raus und ich muss ihn erst einfangen (lacht).

Und das Schönste?
Da gibt es so vieles. Wenn die Kinder mich zufrieden anlächeln, die Worte „Mami, ich ha dich meeeega lieb“, wenn sie ganz friedlich miteinander spielen…

Zum Schluss noch dein erster Gedanke zum Thema..

 ..Familienbett? Ohne wär für mich undenkbar.
..Impfen? Sollte gut überlegt sein.
..Erziehungsratschläge? Bitte nicht ungefragt erteilen.
..Stillen? Das natürlichste überhaupt.
..Helikoptereltern? Solange Kinder ihren Freiraum haben, voll ok.
..Selbstgebackene Geburikuchen? Nice to have, aber definitiv kein must.
..Vereinbarkeit? Oft kein leichtes Unterfangen.
..Regretting motherhood? Für mich unvorstellbar.
..Feminismus? Wird oft falsch verstanden.

Cinthia (29 Jahre) kam in Schaffhausen zur Welt, wuchs in Bern und Schaffhausen auf und lebt heute mit ihren drei Kindern (9, 3 und 0.5 Jahre) und ihrem Ehemann Neckys wieder in ihrem Elternhaus in Schaffhausen. Sie kann fast jedes Problem mit Kokosöl lösen, deshalb wurde ihr auf Facebook eine eigene Gruppe gewidmet.

 

Bilder: © Simona Dietiker 


Ellen Girod
Ellen Girod ist eine freie Journalistin und Mutter. Sie fühlt sich geschmeichelt, wenn man sie als "Gluggere" bezeichnet.

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