Gedanken

Mehr Pippi, weniger Ursli

Unser Gastautor, Bastien Girod, hat zwei Töchter. Und er regt sich über Stereotypen in Kinderbüchern auf.

Eines der Lieblingsbücher meiner Tochter ist Astrid Lindgrens «Pippi findet einen Spunk». Tommy und Annika rennen in die Küche, wo Pippi auf dem Tisch sitzt und gerade das Wort «Spunk» erfunden hat. Doch was ist ein Spunk? Das wollen die drei wissen.

Sie gehen in die Stadt und fragen erst in der Bäckerei, ob man einen Spunk bestellen könne. Die Bäckerin kann nicht helfen. Auch der Klempner kann keinen Spunk bieten. Und der Arzt hält nichts von Pippis Diagnose, sie habe Spunk. Enttäuscht gehen die drei wieder nach Hause. Vor der Tür sieht Pippi einen Käfer. Sie freut sich und ruft «Endlich, das ist mein Spunk». Und nimmt ihren Spunk sanft mit.

Die Geschichte gefällt nicht nur meiner Tochter, auch mir gefällt sie. Das hat zwei Gründe: eine starke Frau als Hauptfigur und eine kindgerechte Erzählung. Damit hebt sich das Buch wohltuend ab von den zahlreichen Kinderbüchern, die Stereotype zeigen und den Kindern Rollenbilder und Werte unserer Gesellschaft vorführen. Wie zum Beispiel der «Schellen-Ursli».

Wie in fast allen Kinderbüchern ist der Held männlich, mutig, tapfer oder stark. Ja, Flurina ist auch einmal Hauptfigur, aber natürlich in der fürsorglichen Rolle eines Mädchens, das einen Vogel beschützt und ihm nachweint. Ursli ist eine Figur aus einer typischen Erzählung für Erwachsene. Wer hat die grösste Glocke? Ein Kind käme doch gar nie auf die Idee, dass es ein Nachteil ist, die kleinste Glocke zu haben. Im Kontrast dazu ist die Erzählung über Pippi sehr kindlich. Es geht nicht um Wettbewerb oder Moral, sondern um Kreativität.

Es sind auch diese zwei Unterschiede der Kinderklassiker, welche «Pippi findet einen Spunk» bei meiner Tochter so beliebt machen. So heisst ihre Puppe nun auch Pippi. Ab und zu sagt sie: «Ich bin Pippi.» Und kurz darauf zu mir: «Und du bisch di grossi Pippi.» Ist mir recht. Besser, als wenn sie sagt: «Ich bin d Maria.» Dann weiss ich nämlich, im nächsten Satz kommt: «Und du bisch z Eseli.»

Auch einen Spunk hat meine Tochter schon einige Male gefunden. Oder dann auch eigene Wörter kreiert, worauf ich nur fragen kann: «Ist das wie ein Spunk?» Und wir beide wissen, wovon sie spricht. Wie Bücher Kinder prägen, zeigte sich auch, als sie letzthin beim Puzzlespiel wie Pippi auf dem Tisch sitzen wollte. Das bestätigt meine Präferenz für dieses Buch: «Pippi findet einen Spunk» lässt zumindest einige unnötige Stereotypien weg und schafft Platz für Kreativität und eigene Interpretationen.

Dieser Beitrag erschien ursprünglich in der Neuen Zürcher Zeitung

Bastien Girod
Bastien Girod ist Papa Poule zweier Töchter. Er ist ausserdem Schweizer Politiker und Forscher an der ETH Zürich.

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