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Was genau ist Achtsamkeit? Mit welchen (neurowissenschaftlichen) Tricks können Eltern lernen auch in schwierigen Situationen gelassen und liebevoll zu bleiben? Das verrät uns Lienhard Valentin. Lienhard Valentin ist Pädagoge, Autor und Achtsamkeitslehrer. Er ist ausserdem der Gründer des Arbor Verlags. Ja genau, unsere Lieblingsbücher “Eigenständigkeit und Liebe” sowie “Wir Eltern sind auch nur Menschen” sind dort erschienen. (URLs findest Du weiter unten.) Seit 30 Jahren lehrt und praktiziert Lienhard Valentin Achtsamkeit mit Kindern.

In dieser Folge erfährst Du ausserdem:

  • «Es gibt keinen Grund, warum wir unseren Kindern ein Nein nicht genauso freundlich sagen können wie ein Ja.» Wie lässt sich dies im Alltag umsetzen?
  • Was bedeutet: «What you resist persists, what you allow to feel can heal»
  • Wie können wir uns Raum geben, um unsere Gefühle «durchzufühlen»?
  • …und warum es sehr wohltuend ist, unsere Kinder öfter mal beim Schlafen zu beobachten.

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Ellen Girod: Lieber Lienhard Valentin, was ist Achtsamkeit?

Lienhard Valentin: Das deutsche Wort Achtsamkeit finde ich sehr unglücklich. Das Wort Achtsamkeit suggeriert aufpassen, achtgeben und sich anstrengen zu müssen. Eine bessere Übersetzung wäre Selbsterinnerung. Wir vergessen uns in unserem verrückten Alltag ständig. Achtsamkeit ist ein Seins-Modus. Es geht nicht darum, etwas zu tun oder erreichen zu wollen. Sondern darum einfach da zu sein, im gegenwärtigen Moment, ohne irgendetwas tun zu wollen. Den Seins-Modus haben wir in unserer Kultur fast vollständig verloren.

Wieso haben wir ihn verloren?

Das ist teils evolutionsbedingt, aber teils wegen unserer Gesellschaft, welche uns suggeriert, ständig etwas tun zu müssen, um glücklich werden zu können. Gerade Eltern sind ständig im Erledigungsmodus. Viele Mütter sagen sich: Für mich ist Zeit, wenn alles erledigt ist. Aber wann wird dieser Zeitpunkt jemals kommen?

Wie finde ich denn in den Seins-Modus?

Sich bewusstwerden, was mich daran hindert. Was hält mich ständig in Bewegung, welche Glaubenssätze hindern mich daran, mal die Füsse hochzulegen? Der Seins-Modus ist aber nicht ein To-Do «20 Minuten im Yogasitz», das man auf der Liste abhakt. Es geht darum im gegenwärtigen Moment präsent zu sein, ohne gleich jedem Gedanken zu folgen. Einfach mit uns und unserer Erfahrung sein zu können. Uns selber haltend, mit einer wohlwollenden inneren Zuneigung. So wie du als Mutter deine Tochter hältst, egal was bei ihr gerade los ist.

Für mich ist Achtsamkeit mittlerweile in Ruhe zehn Minuten duschen zu können. Dies konnte ich während fünf Jahren nicht mehr und ich habe erst später gemerkt, wie wichtig mir das ist. Mich auf das Wasser und mich zu konzentrieren, ist meine Meditation.

Das von dir beschriebene präsent sein und auskosten beim Duschen, ist nicht nur Achtsamkeit, sondern du wirst dir auch der positiven Erfahrung gewahr. Solche positiven Erfahrungen verankern sich in unserem Gehirn, wenn wir bewusst mit ihnen für ein paar Momente verweilen und wir schaffen damit Ressourcen, die Resilienz stärken. Wenn schwierige Situationen auf uns zukommen, sind wir genährt. Die Glücksforschung zeigt, dass Menschen zufriedener sind, wenn sie präsent sind. Dabei ist es eigentlich egal, was sie tun. Es geht nicht um das Ergebnis, sondern um den Prozess.

Wie kann ich nun Achtsamkeit nutzen, wenn wir uns am Morgen beeilen müssen und meine Tochter die einzige saubere Hose nicht anziehen mag?

Eine Patentlösung kann ich leider nicht bieten, Achtsamkeit ist kein Ratschlag. Du kannst selber in dir die Qualitäten entwickeln, die dann in der Situation helfen, klarer zu sehen. Das Entscheidende dabei: Ressourcen aufzubauen, damit wir in solchen Stresssituationen nicht in die rote Zone geraten und vielleicht noch ein paar Tricks bereit haben, um das Schlimmste zu verhindern, z.B. nicht schreien. Und muss denn die Hose immer ganz sauber sein?

Warum schreien wir?

Das hat meist zwei mögliche Hintergründe: wir sind viel zu lange über unsere Grenzen gegangen oder es wird etwas in uns berührt, wo wir eine Verletzung mit uns tragen. Dies merken wir natürlich erst, wenn jemand auf den wunden Fleck drückt. Das kann uns wahnsinnig machen, ist aber auch eine Riesenchance für uns, weil die Kinder diesen erwischen und wenn wir uns den geweckten schwierigen Emotionen stellen, ist das eine unvergleichliche Chance, innerlich zu wachsen.

Und wie schaffe ich es, nicht in die rote Zone zu kommen?

Wichtig ist, freundlicher mit sich selbst zu werden. Als Eltern sind wir oft Kritik von allen Seiten ausgesetzt. Und dann hilft es nicht weiter, wenn ein Teil in uns auch noch auf uns rumhackt. Oder uns das Gefühl gibt, dass es alle andern hinkriegen, nur ich nicht, obwohl ich doch alle Erziehungsbücher gelesen habe und dazu noch meditiere. Dann wird das Bedrohungssystem noch mehr hochgefahren. Wir brauchen mehr Gelassenheit. Das ist eine Qualität, die am hilfreichsten ist, um nicht in die rote Zone zu kommen.

„Das ist ein schöner Moment“ ist eine wunderbare Übung aus deinem Seminar. Was hat es damit auf sich?

Der Meditationslehrer (James Baraz) hat gesagt: „don’t miss the magic moments“. Das ist z.B. wenn du abends ins Bett fällst und die Decke hochziehst und diesen schönen Moment bewusst geniesst. Das Entscheidende ist, dass du diese Momente wirklich auskostest mit zwei, drei Atemzügen, damit sie sich in dir festsetzen. Für unser Gehirn sind positive Erfahrungen wie Teflon.

Und die Negativen?

Wie Klebband. Die negativen bleiben sofort hängen, weil unser Gehirn uns beschützen möchte. Du hattest heute vielleicht hundert ganz schöne Momente mit deinen Kindern und einer ist aus dem Ruder gelaufen. Mit was beschäftigst du dich am Abend?

Mit dem aus dem Ruder gelaufenen.

Wir gehen eigentlich jeden Tag über ein Feld mit Juwelen, wir erleben viele positive Momente. Aber abends ist der Sack leer, weil wir nur darauf schauen, was noch zu erledigen ist, was nicht gut gelaufen ist.

Was ähnliches hatte ich in meiner Ehe erlebt. Es gab eine Phase, als ich mich wirklich grausam über meinen Mann genervt habe. Das Achtsamkeitstool taking in the good aus dem Buch „Wir Eltern sind auch nur Menschen“ hat da wohl meine Ehe gerettet. Ich fing an kleine Dinge (the good), die in unserer Ehe gut liefen, aufzuschreiben. Und merkte, wie sich mein Fokus stetig veränderte. Es kamen sogar plötzlich Erinnerungen hoch von guten Dingen aus der Zeit als wir uns kennengelernt haben. Können wir dieses taking in the good auch unseren Kindern vermitteln?

Das einfachste ist, wenn wir es praktizieren und den Kindern vorleben.

Und wie können wir den kindlichen Blick auf das Gute richten?

Mit Kindern kann man relativ früh anfangen, dass sie vom Tag ein paar kleine Sachen erzählen, die ihnen Freude bereitet haben. Dabei soll man nicht so tun, als dürfe das Unerfreuliche nicht da sein. Es ist wichtig, dem auch Raum zu geben. Die Gehirnforschung zeigt, dass das Verhältnis 5:1 sein sollte. Das Positive sollte fünfmal so stark vertreten sein.

Und wenn die Kinder nerven?

Es kann auch sein, dass eine Eigenschaft, die uns bei einer andern Person Schwierigkeiten bereitet, eine positive Seite hat. Mein zweiter Sohn ist z.B. unglaublich beharrlich, er macht immer sein Ding. Das kann nerven, wenn man selber viel Stress hat. In ruhigeren Momenten sehe ich, dass es auch eine positive Seite hat. Will ich denn später, dass er gleich aufgibt oder er aber seine ganzen Ressourcen einsetzt, um sein Ziel zu erreichen? Leider muss er es bei mir üben. So ist das auch bei Kindern, welche z.B. das Nein! gegenüber uns vertreten. Spätestens in der Pubertät sind wir dann froh, wenn sie gegenüber anderen Jugendlichen auch ein Nein! durchsetzen können und nicht alles mitmachen, um dazuzugehören.

In deinen Seminaren wiederholst Du oft Christopher Germers Zitat «Was wir widerstehen, bleibt bestehen.», auf Englisch: «What we resist, persists.»

Das bezieht sich vor allem auf schwierige Emotionen: Auch wenn wir diese wegschieben oder nicht haben wollen, gehen sie nicht einfach weg. Sie bleiben im Hintergrund. Manchmal ärgern wir uns über jemanden, haben aber Angst, dies zu zeigen, weil mein Partner z.B. mich sonst verlassen würde. Je mehr wir das wegdrücken, desto grösser der Stau im Hintergrund.

Und dann?

Wenn du z.B. als kleines Mädchen nicht wütend werden durftest, sondern immer das brave liebe Mädchen sein solltest, sind da aufgestaute Emotionen in dir. Bei Männern ist es eher andersrum, dass sie mit Trauer und Schmerz nicht umgehen können und stattdessen eher wütend werden. Es ist sehr schwierig mit den Gefühlen der Ohnmacht oder Hilflosigkeit zu sein, ohne in die rote Zone zu geraten.

Welche Emotion ist die Schwierigste?

Die Scham, weil da das tiefe Bedürfnis nach Liebe und Verbundenheit dahintersteht. Als Kinder sind wir ausgeliefert, da ist es lebensgefährlich, nicht dazuzugehören. Deswegen neigen Kinder dazu, sich anzupassen, indem sie sich unterwerfen und Teile von sich wegzudrücken. Weil sie zu wenig stark sind, um in Widerstand treten zu können.

Hast du ein Beispiel?

Ein sehr sensibler, künstlerisch begabter Junge in einer Kriegerkultur wird immer das Gefühl haben, dass er kein richtiger Mann ist. Das kulturelle Bild der Eltern darüber, wie er sein sollte, hat einen starken Einfluss darauf, was von seinem Naturell sich entwickeln kann und was er wegstecken muss aus Angst, dann nicht dazuzugehören.

Wie kann man diesem Jungen oder später Mann helfen?

Der zweite Teil des Satzes lautet: „what we allow to feel can heal“. Was wir uns zu fühlen erlauben, kann heilen. Dazu habe ich eine persönliche Geschichte. Ich hatte ja lange eine Achtsamkeitspraxis. Als ich dann das achtsame Selbstmitgefühl kennengelernt habe, ist mir bewusst geworden, dass ich dazu neige, schmerzliche Erfahrungen schnell «achtsam zu übergehen»: „Es ist halt wie es ist, weiter geht’s“. Aber ich bin zu schnell weitergegangen. Ich habe mir nicht den Raum und die Zeit gegeben, mich durch den Schmerz zu fühlen. Und dann kam in späteren Momenten das Unerledigte mit hoch.

Wie geht das konkret, sich den Raum geben, um sich durchzufühlen?

Das Selbstmitgefühl oder überhaupt Mitgefühl ist eine starke Kraft, die uns auch den Mut gibt, von schmerzlichen und schwierigen Situationen und Emotionen nicht wegzulaufen. Sie nicht wegzudrücken, sondern mit ihnen und uns selbst sein zu können. So wie du mit deiner Tochter bist, wenn sie es schwer hat.

Was alles andere als einfach ist..

Natürlich neigen wir dazu, zu sagen: Ach das hat ja gar nicht wehgetan! Das sehen wir z.B. auf dem Spielplatz, wenn das Kind umgefallen ist und weint. Wir sind so aufgewachsen. Uns wurde von Anfang an mitgeteilt, dass das nicht sein soll und das verinnerlichen wir dann auch. Vielleicht konnten es die Eltern schwer aushalten, wenn das Kind weinte. Bis du selber ein Kind hattest, musstest Du dir darum keine Gedanken machen. Aber die Liebe zum Kind ist die grösste Motivation, genauer hinzuschauen. Das gibt auch eine Kraft. Da will man nicht davonlaufen, wenn man die Folgen kennt.

Was hilft dabei?

Es kann sein, dass wir uns eine Unterstützung suchen müssen, sei es ein Austausch mit Personen, die ähnlich denken. Es muss gar nicht eine enge Freundin sein, sondern z.B. eine Person aus einem Kurs, zu welcher man Vertrauen hat, anrufen und sich auslassen kann.

Die achtsame Zuhörerin aus dem Buch «Hand in Hand»…

Das finde ich eine wunderbare Möglichkeit, das wird in der Achtsamkeitsszene oft vernachlässigt. Aber die achtsame Kommunikation ist ein besonders wichtiger Punkt, denn wo verlieren wir unsere Achtsamkeit am schnellsten? In Beziehungen. Egal ob als Paar, am Arbeitsplatz oder mit Kindern, eine Beziehung lässt uns am schnellsten aus dem Ruder laufen. Das achtsame Zuhören ist wirklich extrem heilsam. Da spricht man von verletzten inneren Anteilen, die man früher wegstecken oder wegdrücken musste. Das fängt ja an bei einem Zweijährigen, das anfängt alles zu erforschen und von den Eltern immer ein ärgerliches «Nicht!» hört. Dieser unterbundene Forschungsdrang ist auch gebunden in dieser Verletzlichkeit. Das braucht dann manchmal jemanden, der genauer hinschaut.

Wie kann die Achtsamkeit dabei unterstützen?

Das Schöne am Achtsamkeitsansatz ist, dass wir eigentlich gar nichts machen müssen. Wir schaffen eine wohlwollende Umgebung, die in sich heilsam ist. Einen Raum in dem du sein kannst, ohne die Erwartung, wie du sein sollst. Ein Raum, wo du gesehen wirst und du dich öffnen und aufblühen kannst. Bei uns ist das oft mit Angst verbunden, weil wir früher vielleicht zurechtgewiesen wurden, wenn wir das gezeigt haben. Da braucht es manchmal eine professionelle Begleitung. Ich gönne mir das selber einmal im Monat bei einer erfahrenen IFS (internal family systems)-Therapeutin. Ich habe zwar selber diese Grundausbildung gemacht, aber der Seher ist im eigenen Hause blind.

Zum Schluss noch deine Übung, das Kind beim Schlafen zu beobachten. Warum sollten wir das tun?

Im Alltag sind wir ständig beschäftigt. Deswegen lade ich dazu ein, wenn die Kinder endlich schlafen und aussehen wie kleine Engel, dass wir uns zu ihnen ans Bett setzen und sie einfach anschauen. Das hilft der Erinnerung an die Liebe, die zwischen uns da ist, aber die vielleicht im Alltag vergessen geht. Sie kann nie ganz verloren gehen, alle Eltern lieben ihre Kinder. Aber durch das viele denken, was noch zu erledigen ist, was wir hätten tun oder sagen sollen, wird diese Liebe oft überdeckt oder verschleiert. Das ist nicht tragisch, aber es ist wichtig, sich immer wieder an diese Liebe zu erinnern. Und dann so selbstfreundlich wie möglich wieder zu ihr zurückfinden.

Ich mache diese Übung regelmässig und habe das Gefühl, dass ich Dank dieser Liebe stets motivierter werde, mich gut um mich selbst zu sorgen.

Ja. Das ist eben ein schöner Moment.

Podcast nachgoogeln: Die versprochenen Shownotes aus dem Gespräch mit Lienhard Valentin

Hier findest Du die besprochenen Ressourcen:

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Das Titelbild hat die Familienfotografin Simona Dietiker on Momoland Photo gemacht.