Nicola Schmidt schliesst ihren Spiegel-Bestseller “Geschwister als Team” mit folgender Zusammenfassung ab: Eltern sollen ihre Kinder nicht vergleichen, bei Geschwisterkonflikten niemals Partei ergreifen und nicht ausrasten. Wie soll das gehen?

Neulich sprach ich im Podcast mit Nicola Schmidt über Geschwisterkonflikte. Nicola ist zweifache Mutter, Wissenschaftsjournalistin und Autorin. Wenn ihr dieses Interview gelesen habt, wisst ihr, was der perfekte Altersabstand ist und wie wir Eltern mit unseren Kindern sprechen können, um die Geschwisterbeziehung zu stärken. Und auch, wie wir am besten  bei Geschwisterkonflikten (oder Konflikten mit anderen Kindern) reagieren. (Dieses Interview gibt es übrigens auch zu hören im Podcast go hug yourself.)

Liebe Nicola, gibt es einen perfekten Altersabstand?

Zunächst möchte ich mit dem Mythos aufräumen, der heisst „Je enger, desto besser“. Viele sagen, dann hast Du die Arbeit gleich hinter dir und dann können die Kinder so schön miteinander spielen. Geringe Altersabstände sind leider eher schädlich. Alleine der Körper einer Mutter braucht 24 Monate, um sich von der Geburt zu erholen und die Nährstoffspeicher wieder aufzufüllen. Die allermeisten Kinder können erst ab drei, nämlich wenn sie sich von der Mutter lösen, ein Geschwisterchen gut vertragen.

Das wird diejenigen Leser*innen, bei denen ein Kind schon unterwegs ist, nicht freuen..

Aber vielleicht hilft es euch, die Kinder zu verstehen. Und auch ihr könnt ja nichts dafür, niemand hat euch gewarnt. Es ist gut, wenn wir einfach vorher wissen, dass das grosse Kind nach der Geburt eine schwere Zeit haben könnte. Das liegt nicht an euch. Es liegt nicht am Kind. Es liegt daran, dass der Abstand zu gering ist.

Was sollen Eltern vermeiden, die ein zweites Kind erwarten?

Erstens: Erklärt das neue Kind immer aus Sicht des älteren Kindes. Also statt „Wir kriegen ein Baby“, damit ist das ältere Kind nämlich ausgeschlossen, sagt ihr: „Du wirst grosse Schwester“. Und zweitens: Redet über das neue Baby immer als eine Person. Also statt: „Das Baby möchte jetzt schlafen.“, sagt ihr: „Du, ich glaube der Paul ist müde. Wollen wir ihn zusammen ins Bett bringen oder willst du solange was spielen?“

Worauf soll man sonst achten?

Wir rechnen damit, dass das erste Kind wieder zum Baby wird, dass es wieder einnässt, nicht mehr alleine schlafen will, nicht mehr in die Kita will oder Wutanfälle bekommt. Wir sagen jetzt bitte nicht: „Du bist doch jetzt die grosse Schwester, reiss dich zusammen!“, sondern: „Du darfst das! Du darfst wieder Baby sein, du darfst einnässen, du darfst wieder bei uns im Bett schlafen.“ Je mehr wir dem Kind erlauben diese Phase der Angst und des Zurückentwickelns auszuleben, desto eher kann es diese Phase wieder ablegen.

Nach diesem Interview wissen Eltern, was sie erwartet. Und – was ich besonders wichtig finde – verstehen: Was bei euch passiert, ist vollkommen normal. Ihr habt nicht falsch gemacht. Mit euch ist alles gut. Mit eurem Kind ist alles gut. Ihr macht das wunderbar.

Und je besser wir diese Phase begleiten, desto schneller geht sie vorbei. Es ist anstrengend aber ich verspreche: Es dauert nicht ewig.

Nun zum Vergleichen. Es ist bekanntlich das Ende des Glücks. Und mir scheint, Nicht-Vergleichen ist das neue Nicht-Loben. Denn wir vergleichen beinahe automatisch. Also Dinge wie „Ach, meine Kleine ist schon mit zweieinhalb trocken und bei der Grossen war es viel später.“ Warum tun wir das?

Weil wir in einer Gesellschaft leben, in der wir ständig bewertet werden. Ob wir erfolgreich genug, dünn genug, geschminkt genug, nicht geschminkt genug, fleissig genug sind. Statt aus diesem Hamsterrad der Vergleiche auszusteigen, übertragen wir es auf unsere Kinder. Deswegen plädiere ich dafür, dass wir wenigstens im Familienleben aufhören, zu bewerten. Um dort einen sicheren Ort schaffen, in dem jeder Mensch so geliebt wird, wie er ist.

Inwiefern schadet das Vergleichen der Geschwisterbeziehung?

Wenn du jemanden vergleichst, dann wertest du ihn ab. Durch den Vergleich trennst Du die Geschwisterbeziehung, treibst einen Keil zwischen die Kinder. Es schadet nachweislich sogar dem Kind, das von uns vorgezogen wird – ist das nicht verrückt?

Was soll man statt Vergleichen dann sagen?

Ich sage nicht: „Ja die Kleine, also die kapiert das überhaupt nicht mit dem Klavier. Aber der Grosse, der schafft das.“ Sondern ich sage einfach nur das, was ist: „Mein Sohn spielt Klavier total gerne Klavier. Meine Tochter interessiert sich nicht für Musikinstrumente. Meine Tochter interessiert sich für Tiere. Mein Sohn interessiert sich auch für Tiere. Aber nicht so sehr.“

Du plädierst auch dafür bei Konflikten niemals Partei zu ergreifen. In der Theorie klingt das gut, aber angenommen ein Dreijähriges nimmt dem jüngeren Kind alles weg, wie kann ich da keine Partei ergreifen?

Es gibt einen Unterschied zwischen: Ich setze eine soziale Regel durch oder ich mache mich zum Richter und erziehe mit Schuld und Scham. Empathie ist erst mit sechs bis 10 Jahren vollständig ausgebildet. Es bringt also nichts, wenn wir empört vor dem Dreijährigen stehen: „Siehst Du nicht, dass er weint?“ Die Antwort lautet: „Nein, sehe ich nicht. Ich bin drei. Ich bin nicht doof, ich bin nicht gemein, ich bin drei. Mein Gehirn ist noch am Wachsen.“

Wie setzen wir eine soziale Regel bei einem Dreijährigen durch?

Wir können erstmal sagen: „Stopp! Ich will nicht, dass du dem Baby was wegnimmst.“, dann nehmen wir Augenkontakt auf und sagen: „Ich sehe, dass du die Rassel haben willst. Ich verstehe das. Jetzt hat das Baby die Rassel.“ und jetzt bringen wir Empathie bei: „Wenn du sie ihm wegnimmst, wird er weinen. Das ist doof. Was können wir machen? Wir könnten fragen. Wir könnten gegen etwas tauschen. Oder – und auch das eine sehr wichtige Lektion – wir können lernen, zu warten. Und ich helfe dir beim Warten. Ich helfe dir auch, dich zu beruhigen, wenn du jetzt weinst und tobst und schreist, weil du die Rassel haben willst.“

Dann kooperiert ein Dreijähriger?

Vielleicht. Vielleicht wird er aber auch toben. Ein Dreijähriger kann diesen Stress und Frust oft nicht anders aushalten, als ihm laut Ausdruck zu verleihen. Wir können dann sagen: „Das ist okay. Und ich bin bei dir. Und dann gehen wir in die Küche und machen vielleicht etwas anderes Schönes. Und nachher, wenn der Kleine eingeschlafen ist, kriegst du die Rassel.“

Es ist nicht immer ganz so einfach. Die Meisten von uns sind eben anders aufgewachsen und da sind nicht unsere Eltern schuld, sondern einfach die Kultur und die Geschichte. Aber wir haben diese bewertenden, beschämenden Sätze einfach im Hinterkopf.

Klar, das geht mir ja auch so. Weiss du was? Der Trick ist, sich dessen bewusst zu werden und Stück für Stück zu üben. Und mit sich selbst nachsichtig sein: Denn es wird Tage geben, an denen ich trotzdem in die alten Muster falle und solche, an denen ich ruhig und cool bleibe. Auf diese gelungenen Tage sollten wir uns fokussieren.

Angenommen ein älteres Kind (6) schlägt das Jüngere (3) dauernd. Da ist es ja nicht so offensichtlich wie bei der Rassel.

Die Königsformel aus meinem „Geschwister als Team“-System ist, wegzukommen von „Wer war das?“ zu „Was brauchst du?“. Also zuerst: „Stopp! Du schlägst ihn nicht. Aber ich sehe, dass du sauer bist. Was ist los? Weisst Du was Du brauchst? Was ist das, was dich stresst? Oder dich stört? Und wie können wir zusammen dafür sorgen, dass du kriegst, was du brauchst?“

Manchmal sagen die Kinder einfach nur: „Ich will ihn schlagen!“

Und dann lautet die Antwort: „Ich höre dich, aber in dieser Familie ist Schlagen nicht erlaubt, mein Schatz.“ That’s it. Da brauchen wir auch keine Lösung. Oft kriegen wir dann im Laufe des Prozesses andere Antworten: „Die ärgert mich immer.“, „Du hast viel mehr Zeit für sie.“ oder „Die hat gestern meine Puppe getreten.“. Und dann helfen wir den Kindern, diese Konflikte zu lösen und sagen: „Was würdest du brauchen?“, „Würde es dir helfen, wenn sie sich entschuldigt?“ oder wenn sie zu klein ist, um sich zu entschuldigen: „Hilft es dir, wenn ich dich in den Arm nehme?“ Eine extra Umarmung, ein extra Kuscheln für dieses schlagende Kind kann Wunder wirken.

Jetzt sagen viele, ich kann doch ein Kind, das geschlagen hat, nicht dafür bekuscheln?

Es ist genau so, wie bei den Erwachsenen: Wir brauchen Liebe dann am meisten, wenn wir sie am wenigsten verdienen. Es ist die effektivste Erziehungsmethode auf ein aggressives Kind nicht aggressiv zu reagieren, sondern zu stoppen und ihnen das Gefühl zu geben: „Ich weiss, dass Du in Dir ein guter Mensch bist. Ich weiss das. Ich weiss, dass du nicht böse und aggressiv bist. Das heisst, wenn du jetzt gerade aggressiv bist, muss irgendwas passiert sein, was dich überfordert. Lass uns da hingucken. Ich guck mit dir hin. Ich bin für dich da, weil ich weiss, dass du eigentlich gut bist.“ Das kann Wunder wirken.

Oft wissen wir Eltern es eigentlich besser, aber machen dann doch einiges falsch. Zum Beispiel beim Schreien. Auch wenn wir theoretisch wissen, dass es kontraproduktiv ist, rasten wir trotzdem oft aus, warum?

Vielleicht weil wir sowieso schon auf einem hohen Stresslevel in unserem Leben stehen. Unzufrieden, überlastet, nicht genug Zeit für Selbstfürsorge, unausgeschlafen und unterkuschelt. Wenn wir unsere Kinder anschreien, dann sind wir schon seit zwei Stunden oder Tagen oder gar Monaten nicht mehr im grünen Bereich. Wir laufen auf orange und jetzt braucht es nur noch diesen einen Fehltritt der Kinder, um uns – zack! – in den roten Bereich zu katapultieren.

Wie lernen wir zu merken, wenn wir in den gelben Bereichen kommen?

Das ist reine Trainingsfrage. Nehmt euch jeden Tag fünf Mal 15 Sekunden lang Zeit und stoppt euch kurz. Atmet tief aus und nehmt euren Körper wahr: „Wie fühlen sich meine Schultern an? Wie fühlt sich mein Nacken an? Bin ich verspannt?“ Einmal schütteln und fragen „Wie geht’s mir eigentlich grade? Bin ich noch im grünen Bereich?“ Wenn die Antwort lautet: „Bin im grünen Bereich.“ Super! Dankt euch für die kleine Aufmerksamkeit, macht weiter. Wenn die Antwort lautet: „Nee, eigentlich bin ich total müde“, macht bitte eine Pause. Wenn ihr in Richtung rot geht, setzt euch sofort auf den Boden und atmet euch wieder runter. So können wir lernen, uns mit uns selbst zu verbinden.

Meine Yoga-Lehrerin hat mal gesagt, erst wenn wir uns mit uns selbst verbinden können, können wir es auch mit anderen Menschen. Ich habe mir in meinem Smartphone einen Wecker gestellt. Es klingelt jeweils um elf, zwei, sechzehn und neunzehn Uhr. Und da kommt diese Meldung „calm, deep voice and kind“. Das sind drei Adjektive, die beschreiben, wie ich mit meinen Kindern reden will. Ein kleiner Reminder, mich mit mir selbst und meiner Intention zu verbinden.

Genau so machst du es richtig! Diese kleine Selbstfürsorge kann Wunder wirken, weil das im Gehirn den Inselkortex vernetzt und ein besser vernetzter Inselkortex informiert uns früher über Stressimpulse. Damit können wir de facto am Gehirn was ändern.

Hast Du noch einen Schlussgedanken für Eltern, die nach diesem Interview das Gefühl haben, bisher einiges falsch gemacht zu haben?

Kinder sind unglaublich nachsichtig. Wenn wir unsere Kinder aufrichtig in unsere Herzen schliessen, unsere Herzen öffnen und uns wieder mit ihnen verbinden, gibt es nichts, was wir mit Liebe nicht wieder gut machen könnten. Insofern gibt es überhaupt keinen Grund, nach hinten zu schauen und sich zu grämen: „Oh ich habe Fehler gemacht!“ oder „Das Geschwisterchen kam zu früh.“ Ich möchte alle ermuntern, nach vorne zu schauen und zu sagen: „Oh mein Gott, ich habe zwei Kinder. Wie viele Menschen da draussen gibt es, denen dieses Glück nicht gegeben ist? Und ich liebe diese Kinder und wir werden jeden Tag einfach das Beste daraus machen.“ Das kann das ganze Familienleben verändern!

Titelbild: Simona Dietiker

Tranksription: Irene Trapp

Nicola Schmidt

Nicola Schmidt ist zweifache Mutter, Bestseller-Autorin, Diplom-Politologin, Wissenschaftsjournalistin, ausgebildeter Coach sowie Gründerin und Geschäftsführerin des artgerecht-Projektes. Sie ist Mitglied der World Association for Infant Mental Health (WAIMH) sowie der Initative Babyfreundlich.org und arbeitet als Referentin für grosse Firmen sowie für den Kinderschutzbund und die Frühen Hilfen. Sie lebt mit ihrem Partner und ihren Kindern (9 und 12 Jahre alt) in der Nähe von Bonn am Wald.

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Das Titelbild hat die Familienfotografin Simona Dietiker on Momoland Photo gemacht. 


 

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