Gibt es konkrete Strategien, wenn das Leben mit Kindern besonders anspruchsvoll wird? Warum haben hochsensible Mütter oft das Gefühl, alles alleine schaffen zu müssen? Das weiss Kathrin Borghoff, Autorin des Buches Hochsensibel Mama sein

Hochsensible Mütter leben oft zwischen unglaublicher Erschöpfung und unendlicher Liebe. Zwischen extrem hohen Ansprüchen, schlechtem Gewissen und totaler Überreizung. Ich selber erkannte vor sieben Jahren, dass ich hochsensibel bin. Umso mehr freute ich mich als das Buch „Hochsensibel Mama sein.“ herauskam. Ich las es und weinte und lud die Autorin Kathrin Borghoff zu einem Gespräch ein. (Dieses Gespräch gibt es auch zu hören im „go hug yourself!“-Podcast)

Liebe Kathrin, was ist Hochsensibilität?

Hochsensibilität ist nicht eine Art Krankheit, die man behandeln kann, sondern eine Veranlagung. Es gibt vier Merkmale, die bei hochsensiblen Menschen gleich sind. Erstens die Sinnessensibilität. Augen, Nase, Ohren, Haut sind durchlässiger für Reize. Diese Dünnhäutigkeit, die einem so unterstellt wird. Man reagiert stärker auf visuelle Reize, Geräusche, Gerüche, Geschmäcker oder Berührungen.

Zweitens?

Die Gefühlsstärke: Hochsensible Menschen fühlen sehr stark, wir sind emotionale Menschen, die sowohl schöne wie auch schwierige Emotionen sehr intensiv erleben.

Drittens?

Die Verarbeitungstiefe: Hochsensible Menschen verarbeiten Erlebnisse und Informationen sehr gründlich, müssen Probleme verdauen. Wir können uns lange mit einem Thema beschäftigen, richtige Experten auf einem Gebiet werden. Das ist übrigens auch der Grund, weshalb hochsensible Mütter in der Regel nach der Geburt ihrer Kinder jeden Ratgeber lesen: Weil sie sich zu Expertinnen für ihr Kind machen wollen.

…oder sie gründen Elternblogs;- ) Und das Letzte?

Das letzte und wichtigste Merkmal, ist die Neigung zur Überstimulierung. Da Reize und Wahrnehmung auf hochsensible Menschen ungefiltert einstürzen, verarbeiten sie Stress anders. Bestimmte Geschehnisse müssen sorgfältig verdaut werden. Hochsensible Menschen sind eher dazu geneigt, sich am Stress oft sehr zu erschöpfen oder zu erkranken.

Ist diese Überstimulierung das zentrale Problem?

Tatsächlich ist es wichtig, dass ein hochsensibler Mensch lernen kann, mit dieser Neigung zur Überstimulierung so umzugehen, dass er sie wirklich früh erkennt und möglichst präventiv behandeln kann.

Wie genau kann man das erkennen?

Eine Übung aus meinem Coaching heisst Stressbilanz. Schreibt in eine zweispaltige Tabelle auf, was euch stresst und was euch erholt. Auf die Stressseite kommen Dinge wie: To-Do-Aufgaben, Ansprüche von anderen Menschen, die Lautstärke der Kinder, Termin- und Zeitdruck etc. Und auf die Erholungsseite schreibt ihr eure Ressourcen auf: Was nährt euch von innen heraus, nach welcher Aktivität sagt ihr: „Wow, da bin ich wirklich voll gut drauf!“. Danach schaut ihr euch an in welchem Verhältnis Stress und Erholung stehen: Wie viele Stunden bin ich gestresst, wie viele am tanken? Ganz oft haben Mütter auf der einen Seite 40 Stressfaktoren und auf der Erholungsseite kommen vielleicht neun Minuten Erholung zusammen.

Krass.

Und spätestens dann muss ich nicht mehr erklären, warum es praktisch unmöglich ist, in einem Streit zwischen den Geschwistern entspannt zu bleiben. Wenn ich 40 Sachen habe, die mich stressen und auf der Erholungsseite überhaupt nix, muss ich diese Bilanz dringend ausgleichen und von diesem hohen Belastungslevel runterkommen. Präventiv dafür sorgen, dass ich mehr Erholungszeiten habe.

Und spätestens hier werden die Meisten sagen: Ja, aber dafür habe ich keine Zeit.

Und das ist okay. Viele haben dieses Gefühl. Aber keine Zeit heisst eben auch: Ich habe keine Priorität. Das muss man sich klar machen, dass man wirklich als Priorität für sich gelten muss.

Priorität, aber auch die Erkenntnis, dass man damit vor allem seinen Kindern einen riesengrossen Gefallen tut. Ich weiss noch, wie wohltuend es für uns alle wurde, als mein Mann begonnen hat, die Kinder in den Schlaf zu begleiten (URL dazu ganz unten). Ich war während drei Jahren jeden Abend zu Hause, sah die Stadt nicht in der Nacht! Diese Freiheit am Abend war für mich persönlich retrospektiv essentiell.

Das ist halt das Entscheidende. Ich habe ganz viele Frauen, die gar nicht genau wissen, was ihre Ressourcen sind. Die pflichtbewusst Yoga machen und pflichtbewusst meditieren oder pflichtbewusst spazieren gehen, weil sie dann wenigstens mal an der frischen Luft sind. Aber das bringt ihnen überhaupt nichts. Sie machen das einfach nur, weil sie irgendwo gelesen oder gehört haben, dass das gesund ist. Das ist aber keine Ressource, die dich richtig nährt, wo du danach sagst: Jetzt bin ich richtig bereit, zurück in meine Familie zu gehen. Und darum geht es auch: Herauszufinden, was brauche ich wirklich. Und das kann ich nur, indem ich mich wirklich selber kennenlerne, nochmal ganz neu kennenlerne als hochsensibler Mensch.

Ist Hochsensibilität ein medizinisches Konzept?

Es gibt leider viele Ärzte, die Hochsensibilität in Frage stellen. Die die Augen verdrehen: „Jaja, jetzt sind alle Kinder hochsensibel, weil sie nicht stillsitzen wollen“. Das ist aber total unberechtigt, denn mittlerweile gibt es eine 20 Jahre alte Wissenschaft dazu. Elaine Aron hat 1997 mit einem Forschungsteam zusammen mit ihren Studien begonnen. Mittlerweile gibt es jede Menge Studien. Auch aus Japan zum Thema Bewegung und Hochsensibilität, oder Studien zum Zusammenhang zwischen Erschöpfungsdepression und Hochsensibilität, achtsamkeitsbasierten Verfahren und Hochsensibilität. Es ist ärgerlich, wenn Kinderärzte dieses Wissen einfach verweigern.

Wo findet man Kinderärzte, die sich mit Hochsensibilität auskennen?

Es braucht keinen Kinderarzt, um eine Hochsensibilität festzustellen und schon lange nicht um sie zu “behandeln“. Was es braucht, sind gut informierte Eltern. Die in der Lage sind, ihre Kinder beziehungsvoll, friedvoll zu begleiten und sich mit dem Thema tatsächlich bestmöglich auseinanderzusetzen. Und dann wird so ein Alltag mit einem hochsensiblen Kind irgendwann normal.

Wie kann man erkennen, ob man (oder das Kind) einfach recht empfindlich oder tatsächlich hochsensibel ist?

Zum Beispiel mit dem Persönlichkeitstest der Psychologin und der Pionierin der Hochsensibilität, Elaine Aron: www.hsperson.com

Und wie merke ich bei anderen, dass sie hochsensibel sind?

Ein ganz klassisches Beispiel: Im Restaurant wird uns Hochsensiblen gerne mal vorgeworfen: „Du hörst ja gar nicht richtig zu.“ Das stimmt aber nicht. Ein hochsensibler Mensch verfolgt nicht nur das Gespräch an seinem Tisch, sondern auch die Gespräche und Stimmungen an den Nebentischen. Das ist keine Filterstörung, sondern ein besonders gut funktionierendes Sinnesorgan – in diesem Fall das Ohr. Aber es wird von den Menschen selbst oft als Belastung wahrgenommen, gerade wenn du Kinder hast. Denn wenn deine Ohren permanent auf Empfang stehen und die Kinder bekanntlich viel Quatsch und Geräusche produzieren, dann wird das für ein hochsensibles Ohr nach einer Weile sehr schnell sehr anstrengend.

Das mit dem Restaurant könnte der Beschrieb des Sohnes einer Freundin, der eine ADHS-Diagnose hat. Wo zieht man die Grenze zwischen HS und ADHS?

Es ist nicht einfach, da eine Grenze zu ziehen. Grundsätzlich kann man sagen: Eine Hochsensibilität bei einem Kind ist mit den richtigen Strategien, ausreichend Ruhephasen und Erholungszeiten sowie ein paar weiteren Spielregeln, gut in den Griff zu kriegen. Das sind Kinder, die sich gut in eine Gesellschaft einfügen können und die auch zum Beispiel mit Schule und Kindergarten – vorausgesetzt die Rahmenbedingungen stimmen – gut klarkommen. Aber ich habe auch Kinder erlebt, bei denen die Strategien, die ich den Eltern anbiete, nicht helfen, um den Familienalltag zu harmonisieren und den Kindern ging es nicht besser. Das muss man sich dann mit einem Kinderpsychotherapeuten oder Kinderarzt anschauen, der sich wirklich gut auskennt und sich auch wirklich viel Zeit und Ruhe für das Kind nimmt.

Gibt es oft Fehldiagnosen, wenn die Eltern vielleicht gar nicht wussten, dass es sowas wie Hochsensibilität gibt?

Es gibt Kinder, die sind zum Beispiel hochsensibel und extrovertiert, vielleicht spielt sogar eine Hochbegabung mit rein, die aber einfach nicht angepasst sind, die auch keinen Bock auf Anpassung haben. Und irgendwann sagt der Lehrer: „Das geht so nicht weiter, da braucht es jetzt jemanden, der das behandelt.“ Dann geht man zum Arzt, der hat im schlimmstenfalls keine Ahnung von Hochsensibilität und nur ein sehr kleines Zeitfenster und schon wird das Kind in eine Schublade gesteckt.

Was rätst Du einer Mutter, die erkannt hat, dass sie oder (und) ihr Kind hochsensibel ist?

Es kommt drauf an: Leide ich Not? Oder habe ich jetzt einfach eine spannende Erkenntnis über mich selbst? Beim letzteren würde ich mir gute Bücher zum Thema besorgen. Wenn ich aber in Not bin, wenn ich spüre, ich bin permanent im Stress, immer traurig, wütend, dann würde ich mir Hilfe holen. Und das ist leider der Punkt an dem viele Hochsensible aussteigen. Weil Hochsensible nicht gerade mit einem riesengrossen Selbstwertgefühl gesegnet sind, sondern diesen inneren Kritiker haben, der sagt: „Ne, Hilfe brauchst Du nicht, die anderen kriegen das auch alleine hin.“

Dabei wäre Therapie oder Coaching gerade für uns Mütter so wichtig. Denn als Mutter hast Du vielleicht kinderlose Freundinnen, die Deine Probleme nicht nachvollziehen können oder dann Mama-Freundinnen, die selber so im Hamsterrad drehen, dass sie schlicht keine Zeit für einfühlsames und achtsames zuhören haben..

..Freundinnen sind unglaublich wertvoll. Aber Freundinnen erzählen einem halt auch immer von sich selbst. Das ist der Unterschied zum Coaching. Als Coach blockiere ich mir Zeit um zuzuhören. Die Mutter kann wirklich alles loswerden, was sie beschäftigt. Schon allein dafür lohnt es sich.

Hochsensible Eltern scheinen mir eine hochgefährdete Spezies in unserer modernen, schnelllebigen und nervösen Welt.

Ja, aber auch eine Spezies mit einer riesengrossen Ressource. Ein hochsensibles Gehirn hat nämlich die Fähigkeit zu träumen, zu fantasieren. Das ist ein kreatives Gehirn, das eine unglaublich schnelle Auffassungsgabe hat. Leider „misshandeln“ wir diese Hirne in unserer Leistungsgesellschaft, in dem wir möglichst viel Produktivität, Leistung, Output verlangen. Das ist aber nicht für jeden hochsensiblen Menschen der richtige Weg. Das sieht man bei hochsensiblen Kindern, sie sind tatsächlich zu Unfassbarem imstande, wenn sie nichts weiter als kreativ sein dürfen und ihre Fantasie nutzen.

Du schreibst auch, dass hochsensible Menschen, oft einen Hang zum Spirituellen, Geistlichen und Philosophischen haben. Ist das auch wissenschaftlich belegt?

Studien zeigten, dass hochsensible Menschen in Floating Tanks viel schneller in den sogenannten Flow-Zustand kommen. Oder dass sie bei Meditation und achtsamkeitsbasierten Verfahren viel schneller in diesen tranceartigen, meditativen Zustand abdriften können. Ich kenne aber natürlich auch Menschen, die spirituell, aber nicht hochsensibel sind und vice versa.

Sind hochsensible Menschen nicht die eigentlichen Normalos und alle anderen die „Abgestumpften“?

Oft haben hochsensible Menschen dieses Alien-Gefühl, dieses Gefühl, einfach nicht in diese Welt zu gehören, weil sie so anders fühlen, weil sie so anders denken, weil sie das Gefühl haben, egal, was ich jetzt sage, wie ich mich fühle oder was ich denke, die anderen sagen eh: „Nee, sehe ich nicht so.“

Aber wir dürfen anfangen, uns zu trauen mit diesen Gefühlen, mit unserer Philosophie, mit unserer Imagination, mit unseren Wahrnehmung rauszugehen und bitte so viele andere Menschen wie möglich mit dieser Schönheit anzustecken. Meine Freundin Julia läuft durch die Natur und schickt mir Bilder vom Mond oder freut sich, wie ein kleines Kind über einen herzförmigen Stein. Seit ich sie kenne, laufe ich durch die Welt und sehe plötzlich überall Blätter oder Kaugummiflecken die wie Herzen aussehen.

Das Thema Gefühle wird ja in unserer Gesellschaft oft stigmatisiert, Stichwort: Mauerblümchen, Sensibelchen. Warum ist das so?

In der Generation unserer Eltern ging es darum, nach dem Krieg wieder alles aufzubauen. Dann mussten die Kinder Geld verdienen. Da wurde nicht gefragt: „Wie geht`s dir? Wie fühlst du dich? Was brauchst du? Was ist dein Bedürfnis und wo ist deine persönliche Grenze?“ Das prägt Menschen.

Und das prägt auch die Erziehung.

Ich sehe, dass meine Eltern es mit uns Kindern, schon anders und viel besser gemacht haben, als sie selbst erzogen wurden. Und wir machen es jetzt nochmal einen Schritt anders als unsere Eltern. Und ich glaub – wie auch Nicola Schmidt in der letzten Podcastepisode – da wird nochmal eine ganz neue Generation kommen, die das wieder anders machen wird als wir. Besser. Ich bin zuversichtlich, dass sich dann auch diese Rollenzuschreibungen wie Mauerblümchen rauswachsen.

Wir wollen auch ein bisschen die Geschichte umschreiben. Deshalb sind diese Themen Bedürfnisorientierung und Bindung, bewusstes Elternsein, Gefühle, Emotionen für uns so wichtig. Und ich glaube, das ist die menschliche Entwicklung, das ist Evolution. Wir werden intelligenter, auch emotional intelligenter. Denn wir haben viel mehr Ressourcen. Unsere Eltern hatten kein Internet oder Facebook-Gruppen, sie wussten es schlicht nicht besser. Dieser Gedanke ist für mich sehr tröstend. Denn ich habe es meinen Eltern lange Zeit übelgenommen, dass sie mich damals ferberten (in den Schlaf schreien liessen). Aber sie wussten es schlicht nicht besser. Und unsere Macht ist, dass wir solch einen immensen Zugang zu Informationen und zum Wissen haben und auch versuchen, die Welt ein Stück weit besser zu machen.

Genau! Und das ist auch Teil meiner Arbeit. Ich glaube, gerade während der Coronakrise, sahen wir ein, was wirklich wichtig ist. Und dass es so mit unserer Welt nicht weitergehen kann. Viele von uns hatten schon seit Jahren diese starken Gefühle, diese Intuition, dass das so nicht weitergehen kann, und jetzt werden wir laut und sagen: So geht’s mit dem Klima nicht weiter. So geht’s mit dem Rassismus nicht weiter, wir müssen anti-rassistisch werden, müssen eine andere Gesprächskultur entwickeln. So geht’s mit unseren Kindern nicht weiter, wir brauchen einen besseren Stellenwert für Familien in der Politik. Schaut, das ist bedürfnisorientierte Elternschaft, so geht friedvoll. Das sind oft hochsensible Menschen, die sowas starten.

Titelbild: Simona Dietiker
Tranksription: Bettina Merkelbach

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Kathrin Borghoff

Hochsensibel Mama sein: Autorin Kathrin Borghoff

Kathrin Borghoff ist Familiencoach und eine der wichtigsten Expertinnen zu hochsensibler Mutterschaft. Sie ist selber hochsensible Mutter von zwei Kindern (eins davon ebenfalls hochsensibel) und wohnt in Dortmund. Dort hat sie eine kleine Familienschule gegründet und bietet Workshops, Coachings und Beratungen an. Bekannt ist sie auch durch ihren erfolgreichen Blog oeko-hippie-rabenmuetter.de. Kathrins Buch „Hochsensibel Mama sein“ erschien im Jahr 2020. 

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Das Titelbild hat die Familienfotografin Simona Dietiker on Momoland Photo gemacht. 


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