“Blogger*innen sollen ihre bezahlten Posts deklarieren!” Interview mit Rita Angelone von dieangelones.ch

Die Angelones Rita Angelone Interview chezmamapoule

Rita Angelone gehört zu den Urgesteinen der Schweizer Bloggerszene. 2009 gründete sie Die Angelones, einen der ersten Schweizer Mamablogs. Heute verwendet sie weiterhin ihr Mutterdasein als Stoff für ihre Texte und das sehr erfolgreich. Im Interview erzählt sie, warum sie täglich (!) einen neuen Blogbeitrag publiziert und was Mamabloggerinnen und Bäuerinnen gemeinsam haben.

Chez Mama Poule: Liebe Rita, wie bist Du vor acht Jahren auf die Idee gekommen, einen Mamablog zu starten? Rita Angelone: Angefangen hat es mit der Kolumne beim Tagblatt der Stadt Zürich. Als meine Kinder 3,5 und 1,5 Jahre alt waren, habe ich mich dort gemeldet, weil ich gerne schreibe und im Mutterschaftsurlaub die Zeit dafür hatte. Die Spalte war gerade frei und sie wollten Familienthemen aufgreifen. Gleichzeitig fing man zu der Zeit an, über Blogs zu reden. So hab ich begonnen die Tagblatt-Kolumnen auf meinem Blog zu sammeln. Ich hab mal dies, mal das, mal ein Foto gepostet. Und plötzlich merkte ich: Sobald ich ein Foto reingetan hab oder etwas Persönliches schrieb, wurde es eher gelesen. Allgemeine Infos dass z.B. die Fasnacht dann und dann im Quartier stattfindet, interessierte nicht. Sobald ich aber beschrieb, was wir am Fasnachtsumzug alles erlebt haben, wurde das wiederum interessant.

Fingst Du dann an mehr Fotos und Privates zu posten? Ich selber habe mich mit der Zeit schon geöffnet und kann mich heute problemlos auf Fotos zeigen, weil meine LeserInnen das auch interessant finden. Die Kinder zeigte ich am Anfang sehr dezent: Nur Hände oder vielleicht mal mit der Sonnenbrille. Heute gibt es zwischendurch auch mal ein Familienselfie. Aber so wie man uns auch auf der Strasse sehen würde. Ganz privat oder frontal zeige ich sie nicht. Mein Grösserer wollte vor Kurzem mein Insta-Profil sehen und fragte: „Wo bin ich überall zu sehen?  Gell, du fragst mich zuerst, bevor du etwas von mir postest….“ Das respektiere ich natürlich.

Du hast Deinen Blog also ohne ein konkretes Ziel gegründet? Unternehmerisch betrachtet, war ich damals völlig strategielos! Mein inneres Ziel war aber immer zu kommunizieren, dass keine Mutter, kein Vater alleine da ist mit seinen Sorgen, Freuden, Frustmomenten oder Lichtblicken. Alle durchleben Ups and Downs – wir sollten uns nur viel mehr und viel offener untereinander austauschen! Mein Ziel war deshalb offen und ehrlich über alle Facetten des Familienlebens zu berichten. Um allen anderen Mitmamis “da draussen” Verständnis und Mitgefühl entgegenzubringen, sie zum Schmunzeln zu bringen und damit Kraft und Motivation zu geben! Alles, was wir als Familie erlebten, schlug sich von Anfang an in unseren authentischen Geschichten nieder.

Dein Blog heisst Die Angelones, bloggen Dein Partner und die Jungs mit? Mein Mann liefert ab und zu Geschichten rund um Garten oder Heimwerken. Und meine Kinder bloggen auch sporadisch mit, sie haben eine eigene Rubrik. Anfangs habe ich dort ihre Zeichnungen und Geschichten fotografiert und gepostet. Vor Kurzem haben sie bei einem Produkttest mitgemacht und ihre eigenen Erfahrung auf dem Blog festgehalten.

Nicht schlecht! Ich kann schon froh sein, wenn meine Tochter (3) kooperiert, wenn ich sie mal für den Blog fotografieren will. Vor Kurzem durften wir im Mühlerama eine Reportage umsetzen, die beiden waren anfänglich etwas schlecht gelaunt, weil es Mittwochnachmittag war und sie eigentlich etwas anderes tun wollten. Da sagte ich zu ihnen: Das ist mein Job und ihr müsst mir helfen.

Und dann? Ich wusste, dass sie das Mühlerama extrem cool fanden, sie waren auch schon mehrmals da und haben viel davon geschwärmt und darum habe ich ja überhaupt für diese Kooperation zugesagt. Aber an dem Tag hatten sie einfach schlechte Laune. Wir brachten die Reportage dann doch noch erfolgreiche zustande, da sie nach dem ersten Murren Gefallen am neuen Detektiv-Parcours fanden, den man im Mühlerama machen kann. Das ist doch häufig so, dass Kinder zuerst etwas maulen und dann finden sie es aber gut. Das Ganze Behind-the-scenes sieht beim schönen Resultat niemand, aber auch wir haben selbstverständlich unsere „Chnörze“, wer nicht?

Hast Du in solchen Momenten auch ein schlechtes Gewissen? Nein, denn sie fanden es ja cool. Nie haben meine Jungs etwas machen müssen, dass sie wirklich nicht gewollt hätten. Und das ist nun mal mein Job. Wäre ich Bäuerin, müssten die Kinder auch mit in den Stall.

Eine tolle Metapher, die bringe ich mal meinem Mann! Meine Mutter hat früher abends auswärts geputzt und meine Schwester und ich sind mit, haben nebenan unsere Hausaufgaben gemacht. Und heute wird ein riesen Tamtam gemacht, wenn die Kinder in unsere Berufe involviert werden.

Die Angelones Rita Angelone Interview chezmamapoule

Bist Du eigentlich vollberufliche Bloggerin? Ich habe vor 2.5 Jahren meine Stelle bei der Stiftung Berufslehr-Verbund Zürich gekündigt und mich selbständig gemacht. Und obwohl ich über den Tag verteilt, um die acht Stunden arbeite, sehe ich mich nicht als die Vollzeit-Bloggerin. Da müsste ich schon intensiver dran, was mit zwei Kindern schwierig ist. Sie haben immer erste Priorität und ich richte meinen Tag auch immer nach ihrem Takt.

Wie viele Beiträge pro Woche produzierst Du? Ich poste sozusagen jeden Tag, das ist mein Spleen.

Jeden Tag? Wow! Hast Du dafür einen Redaktionsplan? Den Redaktionsplan diktiert mir mein Leben bzw. meine Kinder. Meine Strategie – wenn man es so will – ist es, möglichst nah an meinem Leben zu bleiben. Weil ich so nicht nur am ehrlichsten, sondern auch am effizientesten und einfachsten arbeiten kann. Bei den Kooperationen weiss ich natürlich, was wann kommt, andere Beiträge entstehen spontan. Es kann sein, dass ich auf dem Heimweg bin, etwas lese und am Abend darüber blogge. Auch bei meinen Bildern, die sind ja teilweise lachhaft, da ist nichts ästhetisch! Aber es sind Bilder aus dem echten Leben, schnell mit dem Smartphone geschossen, roh und unbearbeitet.

Gibt es Themen, über die Du nie bloggen würdest? Grundsätzlich nein. Die Frage ist eher, wie viel ich dabei preisgebe. Vor ein paar Jahren als ich nach den Sommerferien unter einer schrecklichen Antriebslosigkeit (vielleicht war es ein Burnout?) litt, schrieb ich auch offen darüber und bekam via Facebook extrem viele Reaktionen dazu von Leser*nenn, die dieses Gefühl genauso kannten. Bei Kinderthemen überlege ich mir, was es für die Buben bedeuten würde, wenn es andere lesen.

Zum Beispiel?
Einer meiner Buben hatte als Kleinkind stark gestottert und ich mir grosse Sorgen gemacht. In der Zeit habe ich nicht darüber gebloggt. Erst ein paar Jahre später, als das Stottern vorbei war, habe ich das Thema dann indirekt auf dem Blog aufgenommen.

Die Angelones Rita Angelone Interview chezmamapoule

Als ich meinen ersten bezahlten Beitrag publizierte, hatte ich ein mulmiges Gefühl. Und das obwohl ich den darin vorgestellten Kinderwagen noch lange vor der Entstehung von meinem Blog hatte und liebte. Das Thema Werbung auf Blogs scheint bei vielen negativ behaftet. Kommen Firmenkooperationen bei Deinen Leser*innen gut an? Ich hatte, seit ich blogge, nur eine Handvoll negative Kommentare diesbezüglich. Bezahlte Beiträge werden bei mir genauso gut gelesen, weil sie genauso ehrlich wie alle anderen Beiträge sind. Es gibt ein Unterschied, ob ich etwas wirklich ausprobiert habe und es mich wirklich überzeugt und ich darüber ausführlich auf meinem Blog berichte, oder ob mir jemand auf Instagram ein Trockenshampoo ins Bild hält. Ausserdem geht es ums Verhältnis: Wenn jeder zehnte Beitrag bezahlt ist, ist es was Anderes, als wenn der ganze Blog nur noch aus Kooperationen besteht.

Eine Deiner Thesen ist sogar “Deklaration wird sexy“, was meinst Du genau damit? Mit “Deklaration wird sexy” meine ich, dass es unterdessen für Blogger nicht nur selbstverständlich sein sollte, Werbung transparent zu deklarieren, sondern dass dies sogar in Richtung „Qualitätsmerkmal“ betrachtet werden kann. Wer seriös arbeitet, kann seriöse Kooperationen eingehen und diese auch selbstbewusst und ohne schlechtes Gewissen deklarieren. Gute Beiträge, die im Zusammenhang mit einer Kooperation entstehen, sind für Leser*innen wertvoll: Wenn es z.B. um Erfahrungen geht, die eine Familie, mit der sie sich identifizieren können, selbst gemacht hat. Genau so funktioniert es im Privaten auch mit Empfehlungen und Mund-zu-Mund-Propaganda. Beim Bloggen ist es nicht anders, wenn ein gegenseitiges Vertrauensverhältnis besteht.

In der Schweiz wurde ja noch keine Deklarationspflicht eingeführt, wie zum Beispiel in Deutschland… Und deshalb machen es leider auch nicht alle Blogger. Leider! Darum mache ich mich mit unserer IG Schweizer Familienblogs dafür stark, dass alle Blogger*innen ihre bezahlten Posts deklarieren. Einerseits wegen der eigenen Glaubwürdigkeit, aber auch wegen der Transparenz den Leser*nnen gegenüber. Nicht zuletzt werden unsere Kinder dadurch geschützt, denn gemäss Medienwoche können sie bezahlte Beiträge nicht als Werbung erkennen.

Die IG Schweizer Familienblogs hast Du vor Kurzem gegründet, wofür soll sie neben Transparenz bei Werbung sonst stehen? Es gibt ein vielfältiges Spektrum an Bloggerinnen und Blogger in der Schweiz. Hauptsächlich im Bereich Beauty, Fashion, Lifestyle, Food und Travel. Im Verhältnis dazu gibt es nicht ganz so viele Familienblogger*innen und entsprechend „exotisch“ mutet dieser Bereich manchmal noch an. Ich bin überzeugt, dass es Sinn (und auch Spass!) machen kann, wenn wir uns vernetzen. Unsere Erfahrungen austauschen, die sich von anderen Blogbereichen doch immer wieder unterscheiden. Unser grosses Netzwerk nutzen, Trends und rechtliche Fragen diskutieren, neue Blogs in der Startphase unterstützen. Uns in den monatlichen Learingsessions zu diversen Themen weiterbilden und uns professionalisieren und – da wo‘s passt und Sinn macht – auch als Kollektiv Projekte umsetzen und Kampagnen unterstützen. Das Ziel der IG ist ein eigenes Qualitätslabel. Dieses soll uns auszeichnen und uns von weniger seriösen Bloggern abgrenzen.

In Deinem Referat an der Swiss Blog Family hast Du etwas von „The Inner Circle“ (Trend 7) erwähnt und davon, dass Unternehmen auf einen festen Influencer-Stamm setzen. Für alle Blogger*innen die nicht dabei waren: Magst Du das etwas erläutern? Die Zusammenarbeit zwischen Unternehmen und Bloggern wird sich weiter verändern, ja, aus meiner Sicht verbessern. Nicht nur Blogger werden sich ihre Partner bewusster auswählen, sondern auch umgekehrt. Die Unternehmen werden Bloggerkampagnen nicht mehr nach dem Giesskannenprinzip durchführen, sondern mit wenigen, ausgewählten Bloggern kooperieren. Mit diesem Inner Circle ist es dann auch möglich, Kooperationen auf Augenhöhe einzugehen, längerfristige, verbindlichere, die auf gegenseitiges Vertrauen und Wertschätzung basieren. Blogger als Markenbotschafter fällt unter dieses Thema.  Beide Seiten committen sich und gehen nicht einfach links und rechts zahllose unkoordieniert Kooperationen ein, die beidseitig an Glaubwürdigkeit einbüssen lassen.

Ausserdem ist Deine These – sofern ich sie richtig verstanden habe – dass die Zukunft bei den Digital Content Creators liegt. Was meinst Du damit genau? Ein Digital Content Creator hat nicht zum Ziel, „Influencer“ zu sein, also Leute zu beeinflussen, sondern zu informieren und inspirieren. Ich bin überzeugt, dass wer seriös arbeitet und hochwertige Inhalte mit einem Mehrwert für seine Leser*nnen schafft und auf kreative Art und Weise auch Inspiration liefern kann, erfolgreich als Digital Content Creator unterwegs sein kann – sei es mit einem Blog oder aber auch auf YouTube.

Wie werden sich die Blogszene und Influencer Marketing in der Schweiz Deiner Meinung nach entwickeln? Verglichen mit den USA stehen die Märkte in Deutschland und vor allem in der Schweiz noch ziemlich am Anfang. Das Influencer-Marketing wird sich weiter etablieren. Dabei wird man von der reinen Reichweiten-Betrachtung – endlich! – zur Relevanz-Betrachtung übergehen. Influencer Relations entwickeln sich zu vertrauensbasierten, wertschätzende Kooperationen auf Augenhöhe. Dabei werden Micro Influencers auch an Bedeutung gewinnen. Was im Moment ganz spannend ist: Die Zielgruppe Familie ist für viele Unternehmen wichtig. Von da her sind seriöse und gute Blogger und Influcencer im Familienbereich sehr gefragt.

Was ist für Dich das Schwierigste am Bloggen? Ganz ehrlich? Wenn man aus Leidenschaft bloggt, wenn Schreiben das ist, was man am liebsten die ganze Zeit tun würde, dann ist nichts schwieriges am Bloggen! Dennoch würde ich sagen, dass es doch nicht ganz so einfach ist, ein gutes Storytelling zu betreiben. Zwischen „einfach aus meinem Alltag bloggen“ und „eine Geschichte mit Mehrwert  und Inspiration für meine LeserInnen schreiben“ liegt ein Unterschied und eine kleine Hürde.

Und das Schönste? Dass ich meine Leidenschaft ausleben und damit Menschen informieren, bewegen und inspirieren kann. Ich habe durch das Bloggen wie ein riesiges Fenster zur Aussenwelt, aus dem ich meine Erlebnisse, meine Erfahrungen, meine Ideen in die Welt hinaus posaunen kann und damit Menschen erreiche, die mir vertrauen, die das, was ich erzähle, interessant und inspirierend finden, die mir Feedback geben, mit denen ich in einem ständigen Austausch bin.

Wo sollen „Die Angelones“ Ende 2018 stehen? Die Angelones stehen immer da, wo sie auch im wahren Leben stehen und da man dieses nicht voraussagen kann, weiss ich auch nicht, was Ende Jahr sein wird. Unser reales Familienleben ist die Quelle für meinen Blog und definiert sozusagen die „Unternehmensziele“. Was ich aber in Sachen Professionalisierung erreichen möchte: Das überfällige Redesign wird dieses Jahr vollzogen und ich möchte mich und die IG- Mitglieder technisch und allgemein fachlich weiterbringen. So, dass es heisst: Hey, diese Angelones, also überhaupt diese Schweizer Familienblogger, die sind wahre Profis. Sie bloggen qualitativ gut, ehrlich und seriös, sind transparent und professionell. Die checken es alle! Und mit denen kann man ganz toll zusammenarbeiten!

Vielen Dank für Deine Zeit, liebe Rita!

Die Angelones Rita Angelone Interview chezmamapoule

Bilder: © Ellen Girod

Magst Du Dich mit anderen Schweizer Blogger*innen austauschen? Dann komm in die FB-Gruppe IG Schweizer Familienblogs

Tags : How to blog
Ellen Girod
Ellen Girod ist eine freie Journalistin und Mutter. Sie fühlt sich geschmeichelt, wenn man sie als "Gluggere" bezeichnet.

2 Kommentare

  1. Liebe Ellen, deine Interviews sind immer so inspirierend! Ich lese sie wahnsinnig gerne. Rita ist eine sehr sympathische Persönlichkeit. Ich mag ihre Sichtweise, ihr Tun und ihr Engangement! Gerne mehr davon 🙂

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