Zu Kinderfreundschaften gehören sowohl schöne als auch mal mühsamere Zeiten. Doch was ist ein normaler Streit und wann wird eine Freundschaft tatsächlich ungesund? Unsere Autorin erzählt, wie es bei ihnen war und was Eltern tun können, wenn toxische Freundschaften entstehen.

Geheimnisvolles Rascheln, ein offener Küchenschrank und ein paar Fetzen Silberfolie, die eine verräterische Spur zur offenen Haustür legen. Wir leben im idyllischen Teil des Dorfes, kein Verkehr, den Wald nebenan. Wenn es draussen warm ist, steht die Tür den ganzen Tag offen, die Kinder gehen ein und aus. Bullerbü lässt grüssen.

Sofort weiss ich Bescheid. Meine sechsjährige Tochter hatte unseren Vorrat an Ostereiern geplündert. Als ich mit unserem Jüngsten auf dem Arm in der Tür stehe, läuft sie kichernd vor dem Haus umher. Einige Meter entfernt steht das Nachbarsmädchen, ihre grossen Kleidtaschen vollgestopft mit unseren Ostereiern und mich schelmisch angrinsend. Ihre Mutter steht ebenfalls in der Tür und schüttelt schmunzelnd den Kopf darüber, dass meine Tochter draussen Süsskram verteilt.

Was wie ein Kinderstreich aussehen mag, ist in Wahrheit viel komplizierter. Um ihrer Freundin zu gefallen, hatte meine Tochter die Süssigkeiten heimlich für sie aus dem Haus geschmuggelt. Zu diesem Zeitpunkt war mir längst klar: Die beiden verbindet eine toxische Freundschaft.

Toxische Freundschaften gibt es bereits im Kindergarten

Die benachbarten Mädchen kannten sich seit ihrer Geburt und verbrachten beinahe jeden Tag zusammen. Doch im Kindergartenalter begann die vermeintlich beste Freundin, meine Tochter zunehmend zu piesacken.

Eines Tages kam diese heftig weinend vom Spielen ins Haus gerannt, denn ihre Freundin hatte sie mit voller Wucht auf den Arm gehauen. Der Schock darüber setzte ihr sichtlich schlimmer zu als der körperliche Schmerz. Es kam nun gehäuft zu solchen Zwischenfällen. Mit einer Selbstverständlichkeit suchte ich das Gespräch mit der Mutter. Immer wieder. Doch leider stiess ich auf taube Ohren und jede Menge Gegenwehr. Ich war ratlos und wütend.

Mit der Zeit fiel mir auf, dass die Laune meines Kindes von der ihrer Freundin abhing und sie sich häufig zurückzog. Ich begann, näher hinzuschauen. Langsam dämmerte mir, dass die in Gegenwart von Erwachsenen hilfsbereite beste Freundin meiner Tochter hinterrücks zu ihrer Feindin mutierte. Ich begann zu recherchieren und stiess im US-Magazin Psychology Today auf den Begriff „Toxic Friendship“. Plötzlich ergab alles einen Sinn.

Ich erfuhr, dass bereits im Kindergartenalter toxische Verbindungen entstehen können. Die Problematik liege hauptsächlich darin, dass eine solche Beziehung für Erwachsene unsichtbar sei und die Manipulation oft unter dem Deckmantel einer „besten Freundschaft“ geschehe.

Freundschaft auf Augenhöhe vs. toxische Freundschaft

Was macht eine solche Beziehung aus? Die US-amerikanische Psychotherapeutin und Buchautorin Mary J. Rapini definiert toxische Freundschaften in erster Linie dadurch, dass eine Partei ausgenutzt werde. Bei Kindern sei dies besonders beunruhigend, da sie einen grossen Teil ihrer Identität durch ihre Freunde formten. „Wenn ein Kind alles tut, um seinen Freund oder seine Freundin zu beeindrucken, ist das ein alarmierendes Zeichen. Es deutet darauf hin, dass die Freundschaft manipulativ ist“, so Rapini. Beim betroffenen Kind selbst seien unruhiger Schlaf, Appetitlosigkeit oder nervöse Bauschmerzen keine Seltenheit, zudem seien „Gefühlsachterbahnen“ und ein Rückzug des Kindes häufig.

Auch laut Christelle Schläpfer, die in der Schweiz als Mobbingexpertin und psychosoziale Beraterin für Eltern und Lehrer tätig ist, erkennt man eine toxische Freundschaft unter Kindern daran, dass die Beziehung nicht gleichwertig ist: „Ein Kind dominiert das andere. Es fehlt die Gegenseitigkeit und Verlässlichkeit einer Freundschaft auf Augenhöhe.“

Vieles davon kam mir sehr bekannt vor. Trotz allem konnte ich dem anderen Mädchen aber nie richtig böse sein. Schliesslich war sie doch ein Kind und ich wusste, dass die „beste Feindin“ meiner Tochter im Grunde nichts für ihr Verhalten konnte. Tatsächlich scheinen dahinter kindlicher Schmerz und Leid zu stehen. „Oftmals fühlen sich toxische Kinder äusserst unsicher und projizieren diese Unsicherheit auf andere, meist sehr empathische Kinder“, so Rapini. Die Therapeutin warnt zudem vor den psychischen Folgeschäden toxischer Freundschaften. „Wenn ein Kind Schaden dadurch nimmt, wird es möglicherweise immer wieder in ähnliche Beziehungen geraten“. Dieses Muster könne sich bis ins Erwachsenenalter wiederholen. „Man gerät dann immer wieder in diese Rolle, weil sie vertraut ist. Es fühlt sich normal an“, so Rapini.

Toxische Freundschaften können die Psyche prägen

Danielle Rice, die als Therapeutin im Rahmen des kanadischen Projekts DEPRESSD zum Thema Depressionen forscht, erklärt darüber hinaus: “Wenn ungesunde Freundschaften von zu langer Dauer sind, kann dies das Selbstwertgefühl des betroffenen Kindes negativ beeinflussen.“ Schlussendlich könne dies zu langfristigen psychischen Folgeschäden führen, „insbesondere dann, wenn die schlechten Erfahrungen später nicht mit gesunden Freundschaften ausgeglichen werden.“

Wir hatten genug erlebt. Einmal beobachtete ich, wie das Mädchen meine Tochter mit einer Hundeleine bedrohte, weil diese ein Spiel gewonnen hatte. Immerzu kommentierte und bewertete sie ihr Äusseres. Beim gemeinsamen Spiel schlug sie aus dem Nichts zu, und sobald ein Erwachsener in der Nähe war, umarmte sie meine Tochter innig. Regelmässig ging mein Kind mit nervösen Bauchschmerzen in den Kindergarten, nicht wissend, welche Seite der Freundin sie erwartete. Gleichzeitig klammerte diese sich in ihrer Unsicherheit an meine Tochter, liess nicht zu, dass sie mit anderen Kindern spielte und nahm ihr ihren Raum.

Wenn alles Reden nichts hilft

Zu Hause sprachen wir viel darüber und überlegten gemeinsam, wie sie sich wehren könnte. Da die beiden aber sowohl denselben Kindergarten besuchten als auch benachbart waren, war es fast unmöglich, den Kontakt einzuschränken. So änderte sich nur schleppend etwas. Doch dann baten wir die Kindergärtnerin um Rat und beschlossen gemeinsam, dass die beiden in getrennte Klassen gehen sollten. Ganz selbstbewusst erklärte meine Tochter, sie wolle in der Schule neue Freunde finden.

Nun ist sie wieder aufgeblüht, und auch wenn die beiden weiterhin Kontakt haben, hat sie ihren Freiraum wiedergewonnen und verabredet sich lieber mit den Mädchen aus ihrer Klasse. Endlich kann sie erfahren, wie leicht sich eine ganz normale Freundschaft anfühlen kann.

Klar hätte ich gerne früher gemerkt, was los war. Vielleicht war es ein stückweit auch der Komfort der Spielgefährtin direkt vor der Tür. Die bullerbüartige Idylle hat zwar Schrammen abbekommen, doch wir haben viel dazugewonnen. Seine Freunde darf sich eben jeder selbst aussuchen.

Bildrechte: ©Simona Dietiker

Anzeichen einer toxischen Freundschaft

Was sind die Anzeichen einer toxischen Freundschaft? Wie kann man dem Kind helfen? Soll man als Eltern eingreifen und wenn ja, wie? Sollte man mit den anderen Eltern reden?

Schaut hin, wenn das Kind:

  • herablassend behandelt wird.
  • dazu gedrängt wird, Dinge zu tun, die es nicht für richtig hält.
  • ständig Geheimnisse hüten soll.
  • sich zurückzieht, um dem anderen Kind aus dem Weg zu gehen.
  • unruhig schläft, appetitlos ist oder nervöse Bauchschmerzen hat.
  • es dem anderen Kind ständig recht machen will.
  • keine anderen Freunde haben darf.
  • oft kritisiert und ausgelacht wird.
  • körperliche Gewalt erfährt.

Dos and Don’ts: Toxische Freundschaft erkennen und beenden

Folgendes hat uns geholfen:

Dos: 

  • Entscheidend ist Empathie. Hört eurem Kind zu. Statt sofort nach einer Lösung zu suchen, versucht, euch in euer Kind einzufühlen. So bleibt ihr auf Augenhöhe und es fühlt, dass es nicht allein ist. Stellt dabei offene Fragen, die dem Kind die Möglichkeit geben, sich zu öffnen.
  • Versichert eurem Kind, dass das Problem nicht an ihm liegt und dass es nichts falsch gemacht hat.
  • Spielt mögliche Szenen nach und gebt eurem Kind konkrete Tipps mit. Was könnte es beim nächsten Mal sagen oder tun?
  • Schafft Distanz. Ermutigt euer Kind, sich mit anderen Kindern zu verabreden. So wird es merken können, dass eine gesunde Freundschaft sich anders anfühlt.
  • Sprecht über Freundschaft. Was macht sie aus, was gehört nicht dazu?

Don’ts:

  • Auch wenn es schwerfällt: Widersteht dem Impuls, sofort die anderen Eltern zu konfrontieren, da so die Situation unnötig eskalieren kann. Man weiss zudem nie, womit diese gerade zu kämpfen haben. Daher gilt: „Be kind. Everyone you meet is fighting a hard battle.“ (Ian McLaren, 1897).
  • Mit dem anderen Kind sprechen. Womöglich erzählt es zu Hause eine andere Version der Geschichte.
  • Sich löwenhaft vor sein Kind zu stellen, ändert nichts am eigentlichen Problem. Besser: Tools an die Hand geben, das wirkt ermächtigend.

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Das Titelbild hat die Familienfotografin Simona Dietiker von Momoland Photo gemacht.