Elternsein

Was ist Montessori? Interview mit Anna Christina Jost von Elternvommars.com

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Vor kurzem erwähnte ich im Smalltalk meine Begeisterung für Montessori und mein Gegenüber blickte mich fragend an: Was ist Montessori? Ich wusste nicht, wo beginnen. Da ist dieser Gedanke, dass Selbständigkeit mit dem Selbstvertrauen der Kinder einhergehe. Da gibt es diese unglaublich schönen Montessori-Materialien. Da gibt es eine Reihe Ansätze, die ich rein intuitiv einfach grossartig finde: Dem Kind folgen. Es ganz genau beobachten, um zu verstehen, ob und was es braucht. Das Kind nicht in seiner konzentrierten Versunkenheit (Flow) unterbrechen. Dem Kind keine fertigen Antworten auf seine Fragen erteilen, sondern ihn zum selbständigen Denken ermutigen. Dem Kind eine aufgeräumte Umgebung bieten, das Spielzeug aufs Wesentliche reduzieren, um es nicht mit Reizen zu überfluten. Und schliesslich ist da dieser montessorische Blick, diese respektvolle Haltung gegenüber Kindern.

Doch was ist nun Montessori? Diese grosse Frage habe ich Anna Christina Jost gestellt. Sie ist Montessori-Pädagogin und Gründerin von Eltern vom Mars – für mich einer der lehrreichsten und inspirierendsten Montessori-Blogs im deutschsprachigem Raum.

Was ist Montessori? 

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Anna Christina Jost mit ihrem Sohn.
©Eltern vom Mars

Chez Mama Poule: Liebe Anna, wenn Dir jemand die Frage stellt Was ist Montessori? Du aber nur zwei Minuten Zeit hast, um zu antworten. Wie lautet Deine Antwort? Anna Christina Jost: Dr. Maria Montessori wirkte in der ersten Hälfte des 20. Jahrhunderts. Sie studierte Mathematik, Physik und Naturwissenschaften, später wurde sie Ärztin, aber ihr Lebenswerk galt nicht der Medizin, sondern der Pädagogik. Ausschliesslich durch Beobachtung von Kindern und Jugendlichen entwickelte sie einen völlig neuen Ansatz im Umgang mit Lernen und Lehren. Sie prägte den Begriff der «Pädagogik vom Kinde aus» wobei das einzelne Kind und seine Entwicklungs-Bedürfnisse im Mittelpunkt stehen. Sie ging davon aus, dass Kinder eigenständige, individuelle Persönlichkeiten sind, die sich selbst bilden wollen und dies am besten und leichtesten durch selbsttätiges Tun. Als ein Leitsatz der Montessori-Pädagogik kann daher die Bitte angesehen werden, die ein Kind einmal an Maria Montessori richtete: «Hilf mir, es selbst zu tun!»

Und was ist Montessori? Durch meine Arbeit mit Kindern, aber auch als Mama erlebe ich Montessori weit mehr als ein pädagogisches Konzept. Es ist für mich ein Verb, wie Catherine McTamaney in ihrem Buch Das Tao von Montessori so schön formuliert hat. Etwas, was ich tagtäglich tue. Diese bestimmte Art zu handeln, in der Welt zu leben und Kinder auf ihrem Weg zu begleiten. Aber auch diese Art, sich selbst und anderen Menschen zu begegnen: wertschätzend, respektvoll und verantwortungsbewusst. Oder um es mit einem Zitat Montessoris zu sagen: “Wir müssen dem Kind helfen, damit es lernt, selbständig zu handeln, selbständig zu denken, selbständig zu wollen.”

Bleiben wir kurz bei der Selbständigkeit und der Freiheit, weshalb sind sie so zentral für Kinder? Ich denke, frei zu sein ist ein Grundbedürfnis eines jeden. Herr über sich selbst zu werden, eigene Gedanken zu haben und eigene Entscheidungen treffen zu können. Dadurch, dass Kinder die Möglichkeit haben, selbstständig etwas zu tun und zu entscheiden, was sie lernen, etwas alleine zu meistern, werden sie stärker und selbstbewusster und gewinnen Vertrauen in ihre eigenen Fähigkeiten.

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Baumeister seiner Selbst: Annas Sohn greift nach Gegenständen.
©Eltern vom Mars

Was ist für Dich der wichtigste Grundgedanke der Montessori-Pädagogik? Die natürliche Entwicklung des Kindes zu respektieren und darauf zu vertrauen, dass es von Anfang an alles in sich trägt, was es für seine Entwicklung braucht. Wie ein Baby zum ersten Mal bewusst greift, sich auf den Bauch dreht, sich später an Gegenständen hochzieht, eine Schublade aufzieht, wie es zig Mal einen Löffel fallen lässt – das alles ist Teil dieses inneren Bauplanes, wie Maria Montessori es so schön nennt. Und mit einer liebevollen, respektvollen Haltung seitens der Erwachsenen können Kinder gemäss ihrem inneren Bauplan wachsen und Baumeister ihres Selbst werden. Zu den wichtigsten Grundgedanken gehört für mich aber auch, Kindern mitzugeben, wie wunderbar unsere Welt ist, wie unglaublich viel zu entdecken, und zu bestaunen es gibt, und dass jeder einzelne in dieser Welt zum Ganzen beiträgt und daher wichtig ist.

Und unsere Aufgabe ist es quasi ihnen aus dem Weg zu gehen und sie bei diesem inneren Bauplan möglichst nicht zu stören? Ja. Aber das bedeutet nicht, dass Kinder uns nicht brauchen. Denn Kinder brauchen uns Erwachsene unbedingt. Sie brauchen unsere Sicherheit, unsere Liebe, sie brauchen uns als ihre Vorbilder, die sie achtsam, bedingungslos und respektvoll begLeiten.

Was ist die vorbereitete Umgebung? Eine Umgebung, wo alles so vorbereitet ist, dass Kinder möglichst ohne Hilfe selbsttätig sein können. Sprich, dass die Gegenstände auf ihrer Augenhöhe sind, die Materialien nach ihren Interessen und Entwicklungsbedürfnissen und die Werkzeuge in passender Grösse für ihre Hände vorhanden sind. Das sind Utensilien und Werkzeuge, mit denen Kinder echte Arbeit verrichten können, wie etwa ein kleiner Besen, um aufzukehren, eine kleine Spülbürste, um Geschirr zu waschen oder eine hübsche Giesskanne in passender Grösse, um die Pflanzen zu pflegen. So können Kinder am Alltag aktiv teilhaben und sich nützlich und wertvoll fühlen.

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Vorbereitete Umgebung: Bild, Uhr und Gegenstände auf Augenhöhe ©Eltern vom Mars

Wie kann ich meinem Kind auch bei knappem Budget eine solche vorbereitete Umgebung bieten? Passende Möbel und Utensilien für meine Kinder finde ich ganz oft beim Schweden oder in kleineren Läden aber auch auf Märkten. Es geht nicht darum, etwas Teureres zu besorgen, sondern kreativ zu sein und sich zu überlegen, ob die Umgebung den Kindern genügend Selbstständigkeit ermöglicht. Die Lösung kann manchmal so einfach sein. Ich habe zum Beispiel von einem Möbelstück, wie einem Kleiderschrank oder einem Bett, die Beine etwas kürzer gesägt, so dass meine Tochter besser an ihre Sachen kam und sich am Bettrand bequem hinsetzen konnte. Und oft kam meine Tochter einfach an Gegenstände nicht ran, so dass ich ihr diese in einer der untersten Küchenschubladen reinstellte oder ihr niedrige Wandhaken anmontierte damit sie ihre Jacken oder ihren Besen aufhängen konnte.

Wie wichtig sind die Montessori-Materialien? In den Einrichtungen gehören sie zu der vorbereiteten Umgebung und ermöglichen Kindern, eigene Entdeckungen zu machen. Es gibt mehrere Tausende Montessori-Materialien und dazu noch mehr Darbietungen. Viele Materialien bauen aufeinander auf, das heisst, dass sie sinnvollerweise dem Kind zu passender Zeit angeboten werden, wenn sie schon mit anderen Materialien Vorerfahrungen gemacht haben. Wann dieser Zeitpunkt da ist, weiss die PädagogIn durch genaue Beobachtung und genaue Kenntnis über die Entwicklung der Kinder und dieser Materialien, so dass Kinder die Herausforderung bekommen, wonach sie suchen, aber nicht überfordert werden, sondern Erfolgserlebnisse haben – und vor allem voller Neugier und Begeisterung für ihre Welt bleiben.

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Montessori zu Hause: Annas Tochter wäscht Kartoffeln mit einer kleinen Gemüsebürste.
©Eltern vom Mars

Der Umgang mit den Materialien wird in der FB-Community kontrovers diskutiert. Manche sagen, sie können auch zuhause angeboten werden. Was ist Deine Meinung dazu? Ja, diese Diskussion über die Materialien kommt immer wieder. Und ja, auch ich gehöre zu denjenigen, die Eltern ermutigen, Montessori jenseits dieser Materialien zu verstehen und zu leben. Aber nicht, weil ich denke, diese Materialien stehen nur Privilegierten zu und auch nicht, weil ich etwas Gutes zurückhalten möchte. Aber wenn ich sage, die Montessori Materialien kann jeder handhaben und den Kindern zeigen, ist es, als würde ich behaupten, jeder kann Kinder dazu hinführen, sich selbst das Lesen und Schreiben anzueignen und sie auch für Mathe begeistern. Aber das stimmt so natürlich nicht.

Aber diese Materialien sind so schön, da kann man es den Eltern nicht übelnehmen, dass sie diese für zuhause besorgen wollen, oder? Als ich anfing, mich für diese Pädagogik zu interessieren, war ich auch sofort von den vielen Materialien angetan, so dass ich mir überlegt habe, welche ich für meine Tochter für zuhause beschaffen könnte. Ich besorgte den Rosa Turm und baute ihn für meine Tochter auf, so, wie ich es auf sämtlichen Fotos im Internet gesehen habe. Doch zu meiner Enttäuschung musste ich feststellen: Dieser interessierte meine Tochter nicht wirklich. Wenn ich den Turm nicht selbst zu Bauen anfing, stand er einfach nur da und ich fragte mich: Warum „funktioniert“ dieser Turm nicht bei ihr?

Und warum nicht? Dann machte ich die Ausbildung und fand alsbald eine Antwort. Ich habe verstanden, was die Montessori-Materialien wirklich können und wie wichtig ein noch so kleines Detail bei einer Darbietung sein kann. Wie wichtig die Rolle der Pädagogen ist, die viel Feingefühl und Wissen haben müssen, damit Kinder mit diesen Materialien mit Freude und Begeisterung arbeiten und trotz Darbietung eigene Entdeckungen machen. In unserer FB-Gruppe zeigen manchmal Eltern Materialien, die sie selbst gebastelt haben. Vor einiger Zeit zeigte eine Mama die Sandpapierbuchstaben, die sie mit viel Mühe selbst erstellt hat und ich fand ihre Einstellung sehr inspirierend. Sie schrieb, dass sie beim Erstellen dieser Buchstaben eine Menge recherchiert und dazugelernt hatte und auch nicht davon ausging, dass ihr Kind nun schreiben könne.

Dann spricht ja nichts gegen Montessori Materialien zuhause? Doch ich erlebe auch oft Eltern, die versuchen möglichst viele dieser Materialien zuhause anzuschaffen, ohne wirklich zu wissen, wie sie diese dem Kind vermitteln können. Als hätten sie die Sorge, ohne diese Materialien keine guten Eltern zu sein und ihnen nicht das Beste zu bieten. Sie besorgen Sandpapierbuchstaben, Sandwannen, die metallene Einsätze, sind aber enttäuscht, wenn die Kinder trotz allem nicht Schreiben und Lesen können oder mit den Materialien etwas ganz anderes machen. Doch genau das sollte nicht passieren: Kindern gegenüber eine Erwartungshaltung haben, was sie lernen sollen und Eltern, die denken, sie wären für ihre Kinder nicht gut genug.

Heisst das, Eltern können Montessori zu Hause gar nicht umsetzen? Doch! Und ob! Aber dafür müssen sie weder Pädagogen sein, noch die Materialien besitzen. Ich weiss, nicht jede Familie kann es ihren Kindern ermöglichen, eine Montessori-Einrichtung zu besuchen, so haben diese Kinder keine Chance mit diesen Materialien zu arbeiten. Das ist schade und ich finde, alle Kinder sollten so lernen dürfen.

Aber ich denke, in erster Linie kommt es nicht darauf an, was ich meinem Kind anbiete, sondern darauf, wie ich es tue. Nicht diese Materialien führen Kinder zu selbstständigen Handeln und Denken, zu Kreativität und Verantwortungsbewusstsein, zu Toleranz und Selbstvertrauen, sondern die Menschen, die sie tagtäglich auf ihrem Weg begleiten. Und diese Haltung können Eltern nicht nur zuhause leben und Kinder achtsam und durch bedingungslose Liebe begleiten, es ist für Kinder das Wichtigste auf der Welt. Es ist wirklich ein Riesenmissverständnis, wenn Eltern denken, ohne Materialien könnten sie zuhause die Prinzipien nicht umsetzen.

Abgesehen davon können Eltern zuhause ebenso schöne Materialien anbieten. Nicht nur sinnvolle, sorgsam ausgesuchte Spielsachen wie zum Beispiel einen einfachen Stapelturm, Bausteine oder schöne Puzzles, sondern auch einen schönen Globus oder ein Mikroskop, eine Weltkarte, um darauf Tiere den Kontinenten zuzuordnen oder einen simplen, selbstgebastelten Kalender, wo Kinder Geburtstage und wichtige Ereignisse eintragen können. Ich biete meinen Kindern auch Materialien an, die ich selbst gestalte und diese stelle ich meist für Eltern zum Herunterladen auf den Blog.

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Tiere nach Klassen ordnen: Viele DIY-Materialien lädt Anna für Eltern zum Downloaden auf ihren Blog. ©Eltern vom Mars

Eine weitere Frage, die ich in FB-Gruppen oft lese: Mein Kind ist x Jahre alt, was kann ich ihm „montessorisches“ anbieten? Was antwortest Du da jeweils? Ich denke, Eltern kennen ihre Kinder am besten. Daher kann ich höchstens nur Tipps geben oder meine Erfahrungen erzählen. Um herauszufinden, was meine Tochter besonders mag, wofür sie sich besonders interessiert, beobachte ich sie und höre genau hin, wenn sie mir etwas erzählt. Als sie so viel und gerne mit der Schere arbeitete, zeigte ich ihr, wie sie Scherenschnitte machen kann. Wenn sie wissen wollte, wie aus einem Samen eine Pflanze wird, liessen wir Bohnen in einem Glas keimen, so dass sie genau beobachten konnte, was passiert.

Welches Standardwerk empfiehlst Du Eltern, die sich in Montessori einlesen wollen? Vor allem Bücher von Maria Montessori selbst: Kinder sind anders, Kinder sind anders und Das Kind in der Familie sowie die noch nicht ins Deutsche übersetze Textsammlung Maria Montessori Speaks to Parents. Aber auch Bücher von anderen Autoren empfehle ich gerne, wie etwas Das Kind verstehen von Silvana Quattrocchi Montanaro, Montessori von Anfang an von Paula Polk Lillard und Lynn Lillard Jessen oder Lieben, Ermutigen, Loslassen von Heidi Maier-Hauser.

Was sind die sensitiven Phasen? Dieser Begriff «Sensitive Phase» ist schon etwas Besonderes, so wie die meisten Begriffe von Montessori. Diese Phasen sind Zeitfenster in der Entwicklung, bei dem Kinder für etwas ganz Besonderes empfänglich sind. Montessori verglich sie mit durch einen einzelnen Scheinwerfer beleuchteten Bühne, wobei alles andere in den Halbschatten geriet. So sind Kinder zwischen 0 und 6 Jahren besonders empfänglich für Sprache, Bewegung und Ordnung. Nie wird ein Mensch eine (oder mehrere) Sprache(n) mit so viel Leichtigkeit erlernen, wie in diesem Alter. Die Bewegung hat auch eine ganz besondere Bedeutung, denn Kinder in diesem Alter arbeiten unermüdlich daran, Herr ihrer Selbst zu werden. Und was die Ordnung betrifft, so ist es ein Grundbedürfnis, denn es gibt ihnen Sicherheit, wenn sie sich in dieser Welt orientieren können. Auch gibt es zum Beispiel eine sensitive Phase für kleine Details: Kinder entdecken da, was andere nicht sehen, kleine Pflänzchen in einer Ritze, Krümel auf dem Boden usw. und picken diese auch auf. Wenn ich das weiss, kann ich als Erwachsener geduldig warten, denn ich weiss, das gehört zur Entwicklung dazu. Wenn ich das nicht weiss, kann es sein, dass ich ungeduldig werde.

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Sensitive Phasen: Kennt man sie, fällt es leichter geduldig zu sein. ©Eltern vom Mars

Nun zum Thema Montessori zu Hause. Worauf achtest Du bei euch zu Hause? Darauf, dass meine Kinder möglichst selbstständig sein können und eine Umgebung vorfinden, die ihren Bedürfnissen entspricht. Aber auch, dass sie selbstständig denken und eigene Entscheidungen treffen können, dass ich ihnen vertraue und ihnen Fähigkeiten zutraue. Daher arbeite ich auch viel an mir selbst und wie ich mit ihnen kommuniziere. Wie ich zum Beispiel meine Bedürfnisse mitteile oder ihre Fragen nach dem Wieso, Weshalb und Warum beantworte – nämlich, in dem ich sie ermutige, die Antworten selbst herauszufinden.

Magst Du ein Beispiel nennen? Neulich fragte mich meine Tochter, ob Blattläuse gelb oder grün sind. Weil ihr jemand im Kinderhaus sagte, dass die Blattläuse gelb sind, sie aber denkt, dass diese grün sind. Meine Antwort war „Spannend! Da können wir zuhause gleich nachlesen.“ – und sie hatte gleich selbst die Idee, wo wir das nachschlagen könnten.

Gibt es Montessori-Prinzipien, an die Du Dich zu Hause nicht hältst? So wie als Montessori-Pädagogin in der Schule, versuche ich auch als Mama, meinen eigenen Kindern ein positives Weltbild zu vermitteln, weil ich denke, dass Kinder, die ihre Umgebung lieben, diese auch mehr schätzen. Ich bemühe mich, ihnen das Gefühl zu vermitteln, wie alles zusammenhängt, wie wichtig jeder Stein, jeder Baum, jedes Tier und jeder Mensch ist. Damit meine ich nicht, dass ich sie unter eine Käseglocke stecken will, auch nicht, dass ich versuche, ihnen eine rosarote Brille aufzusetzen. Könnte ich auch gar nicht, denn meine Kinder sehen ja, was um sie herum passiert. Aber je mehr Schönheit ich ihnen zeige, umso größer wächst ihre Liebe zu den Dingen, die sie umgeben und damit auch ihr Verantwortungsbewusstsein. Doch diese Aufgabe bedeutet für mich persönlich in einer Grossstadt, wo oft viel Müll herumliegt und wo Menschen auch nicht immer achtsam miteinander umgehen, eine besonders grosse Herausforderung.

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Auch das ist Montessori: Die Schönheit dieser Welt zeigen, die Liebe zur Umwelt und damit auch das Verantwortungsbewusstsein nähren. ©Eltern vom Mars

Wie bist Du zur Montessori-Pädagogik gekommen? Ich habe sieben Jahre als Hauptschullehrerin in einer Regelschule gearbeitet wo ich unter anderem Mathe und Biologie, aber auch Physik und technisches Werken unterrichtete. Und ich hatte ein völlig verkehrtes Bild davon, was Lernen bedeutet. Als meine Tochter auf die Welt gekommen ist, hat sie mein Leben, das bisweilen auf dem Kopf stand, wieder zurechtgerückt und ich fragte mich, wie ich ihre Entwicklung besser verstehen und sie achtsam begleiten kann. Ich fing an, Bücher von Emmi Pikler und Aletha J. Solter zu lesen, und fand im Internet damals ausschliesslich englischsprachige Blogs zum Thema Montessori, die mich ungemein inspirierten. Kurzerhand beschloss ich, eine Montessori-Ausbildung zu absolvieren, und dies war eine der besten Entscheidungen in meinem Leben. Denn ich fand meine Berufung und meinen Weg.

Gibt es auch Kritik an Montessori aus Deinem Umfeld? Ja, aber ich kann es nachvollziehen. Montessori betrachtete den Menschen und seine Entwicklung ganzheitlich und es braucht tatsächlich Zeit, dieses Ganze zu verstehen. Daher akzeptiere ich die Kritiken und versuche Menschen nicht zu überzeugen, sondern mit ihnen ins Gespräch zu kommen.

Du hast mal geschrieben, dass Deine Tochter Dir die Chance gibt zu wachsen und ein besserer Mensch zu werden. Magst Du ein Beispiel aus eurem Alltag nennen, als dies der Fall war? Die Wohnung mit zwei Kindern pünktlich zu verlassen, ist nicht immer leicht. Besonders dann nicht, wenn sich meine Tochter eher viel Zeit mit dem Anziehen lässt. Ich spürte schon oft in mir die Ungeduld hochkommen und manchmal sagte ich ihr auch etwas in Rage, was ich danach bereute. Dann fragte ich mich: Was kann ich machen, um meine Tochter dazu zu bewegen, sich anzuziehen, anstatt rumzusitzen? Es bedurfte einer langen Zeit, diese positive Einstellung zu haben, die einen wesentlichen Unterschied macht. Anstatt ihr zu sagen: „Zieh Dich endlich an, Du hast noch nicht einmal deine Schuhe an.“ fokussiere ich lieber darauf, was sie bereits gemacht hat und ermutige sie so, weiter zu tun: „Oh! Du hast schon Deine Haube und Deinen Schal angezogen. Wunderbar! Jetzt brauchst Du nur noch Schuhe.“

Daran wachse ich wirklich stark. Die Kommunikation, die Art wie ich mit Kindern spreche. Es gibt zahlreiche solche Momente im Alltag, wo ich innehalte und überlege, was macht das mit mir? Wie kann ich mich ändern, wie kann ich meiner Tochter das nächste Mal begegnen, so dass wir ein Team werden? Bei einer Haltung, die ihre Würde, ihr Selbstwertgefühl nicht verletzt, sondern sie ermutigt und ihr Vertrauen schenkt.

Also geht es bei Montessori – und hier schliesst sich der Kreis unseres Interviews – vor allem um die Kommunikation mit dem Kind? Ja, auch. Die Art wie wir mit Kindern sprechen, ist wesentlich. Diese respektvolle und positive Haltung von Anfang an. «Die Art, wie wir mit Kindern reden, wird ihre innere Stimme» – sagt Peggy O’Mara und ich denke, genau darum geht es. Nicht nur Kindern erlauben, selbst die Welt zu entdecken, sondern auch eigene Grenzen und Bedürfnisse auf eine respektvolle, gewaltfreie Art zu äussern. Eine Sprache zu sprechen, die nicht trennt, sondern verbindet.

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Montessori ist auch Kommunikation: “Die Art, wie wir mit Kindern reden, wird ihre innere Stimme» -Peggy O’Mara ©Eltern vom Mars

Anna Christina Jost ist Montessori-Pädagogin und lebt mit ihrer Tochter (fast 6), ihrem Sohn (8 Monate alt) und ihrem Partner in Wien. Von der Facebook-Community liebevoll als Marsmama genannt, hat sie auf ihrem Blog „Eltern vom Mars“ einen unglaublichen Fundus an Inspirationen rund um Montessori zu Hause geschaffen: einleuchtend geschrieben, leicht nachzumachen und mit ganz viel Herz: www.elternvommars.com. Ausserdem ist sie Co-Admina bei der FB-Gruppe Montessori beginnt bei Dir. Ganz viel Montessori-Inspiration findet ihr auch auf ihrem Instagram-Profil. 

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Ellen Girod
Ellen Girod ist eine freie Journalistin und Mutter. Sie fühlt sich geschmeichelt, wenn man sie als "Gluggere" bezeichnet.

5 Kommentare

  1. Liebe Maman Poule, merci beaucoup für dieses Interview! Ich habe ihn direkt in meinem Artikel über eine Montessorischule, der morgen auf meinem Blog erscheint, geteilt – genau so ein Link mit einer genauen Definition und vielen weiterführenden Informationen hat mir noch gefehlt. Jetzt stöbere ich erstmal weiter bei Dir und ebi Eltern vom Mars! 🙂

  2. Wirklich ein interessantes Interview, danke! Im Moment tue ich mich aber etwas schwer, die Umgebung für meine 4 Jahre alte Tochter so einzurichten, wie ich es gerne würde. Sie liebt es zu basteln und ich würde ihr wahnsinnig gern eine Bastelecke einrichten. Allerdings habe ich noch einen 15 Monate alten Sohn und er ist nunmal sehr interessiert an all ihren Sachen und würde gerne mit der Schere spielen, die Filzstifte an der Wand ausprobieren und den Leim überall verteilen 🙂 Im moment bastelt sie so halt jeweils am Esstisch und muss die Sachen aus Schubladen holen, wo der Kleine nicht rankommt. Ich bin hin und her gerissen dazwischen, ihr in ihrem Zimmer eine Umgebung herzurichten wo ihr alles frei zugänglich ist und der Möglichkeit für meinen Sohn sich auch in ihrem Zimmer aufzuhalten. Habt ihr vielleicht Tips, wie ihr das mit unterschiedlich grossen Kindern gelöst habt?
    Liebe Grüsse Ina

    1. Herzlichen Dank für deine Rückmledung, liebe Ina! Eine vorbereitete Umgebung für zwei hätte in der Tat einen eigenen Beitrag verdient, vielleicht schreibe ich ja mal einen.

      Wir haben ein Regal und im oberen Teil sind die Spialsachen der Grossen, im unteren die der Kleinen, das hab ich den Kindern so erklärt. Und wir haben diesen breiten Tisch https://chezmamapoule.com/diy-kindertisch-selbst-gemacht/ und da können jetzt beide nebeneinander malen. Mit der Schere übt die Grosse (3) während das Baby (1) schläft. Es gibt ausserdem eine Wand, die wir mit einer Papierrolle beklebt haben und die Kinder wissen, dass sie nur(!) dort malen dürfen.

      Wenn die Grosse in der Kita ist, kann die Kleine in Ruhe spielen, wenn die Grosse mal alleine spielen will, nehme ich die Kleine in ein anderes Zimmer.

      Klar, es gibt immer wieder Konflikte und Tränen und einfach ist es nicht, aber dann kommen wieder diese Momente, wenn sie zu zweit Spielen und gemeinsam lachen.

      Falls du noch einen Tipp hast, bin ich gespannt!

      Herzlich, Ellen

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