Wie geht Windelfrei? 13 Fragen schnell und einfach beantwortet.

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Früher dachte Cinthia Leuzinger, Windelfrei wäre nur was für ultragrüne Öko-Tanten. Heute rät sie von Schwarz-Weiss-Denken ab und ermutigt dazu, es einfach mal auszuprobieren.

Bilder: © Simona Dietiker

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Abhalten? Windelfrei? Neugeborene signalisieren, dass sie müssen? Als ich zum ersten Mal von Windelfrei hörte, dachte ich: WTF?! Ist das euer Ernst? Ihr seid doch nicht ganz dicht!

Und dann sah ich zum ersten Mal live ein Windelfrei-Baby. Dessen Mama war nicht etwa eine ultragrüne, Birkenstockfinken- und Wollsockentragende Öko-Tante mit langem Zopf (meine damalige Vorstellung von Alternativ), sondern eine junge, moderne Trage-Still-Mama. Und sie machte es so selbstverständlich. In unserer Facebook-Gruppe las ich dann erstmals von Windelfrei, Abhalten und deren Vorteilen. Und als ich mit dem dritten Kind schwanger wurde, stand für mich fest: Das probieren wir!

Wir starteten kurz nach der Geburt mit dem Abhalten. Wir trugen immer ein sogenanntes „Backup“ in Form von Stoff- oder Bio-Wegwerfwindeln. Anfangs fiel es mir schwer, die Zeichen meiner Tochter zuverlässig zu deuten. Und ich muss auch ehrlich sagen: Sie war ein Baby, das seine Ausscheidungen nicht priorisierte. Gut möglich, dass sie Zeichen gab, welche wir nicht bemerkten und sie dann ohne weiteres in die Windel machte. Schon bald hatten wir aber den Dreh raus und konnten sie (vor allem) für das grosse Geschäft erfolgreich abhalten. Es war so läss, wenn sie ihren hellen, kurzen Schrei abgab, ich sie aufs Töpfli setzte, sanft „Pschhhh“ machte (währenddessen ihr grosser Bruder mich jeweils unterstützte), sie ihr Geschäft verrichtete und danach tiefenentspannt in meinen Armen lag. Auch Papa war schon nach kurzer Zeit restlos überzeugt und freute sich jedes Mal, wenn die Kommunikation erfolgreich war.

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Mittlerweile ist meine Tochter jährig. Wir machten verschiedene Phasen durch, mal klappt es besser, dann wieder kaum. Mal kann ich mich voll auf ihre Zeichen konzentrieren, mal hab ich so viel um die Ohren, dass ich ihre Zeichen übersehe. Das ist für mich aber absolut in Ordnung. Windelfrei soll Eltern nicht unter Druck setzen. Es soll eine Hilfe sein und nicht eine Anforderung, die erfüllt werden muss. Es geht auch nicht darum, gar keine Windeln zu tragen oder früh trocken zu werden. Ob man begleitend Windeln nutzt, nur zum Teil oder gar nicht, muss jede Familie für sich entscheiden. So wie es allen Beteiligten am wohlsten ist.

Es geht um die Kommunikation zwischen Eltern und Kind. Und mit so einem kleinen Baby zu kommunizieren, ist einfach toll. Zu verstehen, was es will oder braucht. Zu merken, wie es mich versteht: Wenn ich sage „Wart schnell, ich zieh dich grad aus, dann kannst du machen.“ oder wenn es erst auf mein „Pschhhh“ laufen lässt. Bauchweh oder die berühmten Dreimonatskoliken kannten wir nicht und ich bin überzeugt, dass das Abhalten unter Anderem ein wesentlicher Grund dafür war.

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Heute rate ich jeder Familie Windelfrei zu versuchen. Windelfrei ist wirklich supercool, ganz ohne Druck, ohne Stress. Falls Du es auch ausprobieren willst, kommen hier meine Antworten auf die mir am häufigsten gestellten Fragen zum Thema Windelfrei.

PS: Mit dem Begriff „Windelfrei“ selber bin ich nicht ganz glücklich. Es suggeriert, man würde keine Windeln verwenden, was auf viele Menschen abschreckend wirkt. Viel besser gefällt mir die Bezeichnung „Ausscheidungskommunikation“. Denn das ist das Essentielle dabei: Die Kommunikation zwischen Eltern und Baby. Weil Ausscheidungskommunikation aber ein sehr langes Wort ist und um den Lesefluss zu erleichtern, halte ich mich in diesem Text an den Begriff “Windelfrei”.

1. Wie geht Windelfrei?

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Babys haben von Geburt an ein Gefühl für ihre Ausscheidungen. In unseren Breitengraden wird darauf jedoch kaum eingegangen. Es scheint selbstverständlich, dass man einem Neugeborenen die Windel anzieht und es seine Ausscheidungen dort rein macht. Einigen Babys macht das wenig aus: Sie geben zwar ein Zeichen, wird darauf nicht eingegangen, machen sie halt in die Windel. Es gibt aber auch empfindlichere Babys, denen es ganz und gar nicht behagt, sich selbst zu beschmutzen. Ich finde dies nachvollziehbar, die Vorstellung ich müsste mich in eine Windel erleichtern, löst in mir keine schönen Gefühle aus. So kommt es dann, dass manche Babys versuchen – so gut es geht – ihre Ausscheidungen zurück zu halten. Dass dies auf Dauer unangenehm oder gar schmerzhaft sein kann, ist wohl klar.

Ein bekanntes Phänomen, ist dass das Baby auf dem Wickeltisch lospinkelt, kaum wurde die Windel geöffnet. Surprise, surprise. Was man auch oft beobachten kann: Dass Babys plötzlich wild strampeln und furzen, kreischen, weinen, nervös an der Brust an- und abdocken. Da viele für dieses Verhalten keine Erklärung haben, wird die Diagnose Bauchweh oder gar Dreitmonatskoliken gestellt. In ihrer Hilflosigkeit verabreichen Eltern ihren gequälten Babys dann diverse Wundermittel, welche oft wenig Linderung bringen, da die Ursache nicht behoben wurde.

2. Wie merke ich denn, dass mein Baby muss?

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Auf Signale achten: Baby wird unruhig, quietscht, verzieht das Gesicht, zappelt, dockt immer wieder an der Brust an und ab. So individuell wie Babys sind, so sind es auch ihre Zeichen. Missachtet man die Signale, verschwinden sie mit etwa drei oder vier Monaten. Wer das Gefühl hat, die Zeichen überhaupt nicht erkennen zu können, kann sein Baby mal einen Tag lang nackt lassen und gut beobachten. Oft erkennt man so ein bestimmtes Verhalten, kurz bevor das Baby pieselt oder stuhlt. Es gibt auch sogenannte Standardsituationen, in denen die meisten Babys ausscheiden: Nach dem Aufwachen, nach oder während dem Stillen oder wenn man das Baby aus dem Tragetuch nimmt.

3. Wo und wie halte ich mein Baby ab?

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Beim Stillen, beim Gespräch mit einer Freundin, beim Buchlesen, beim Katze beobachten. Neugeborene bis ca. drei Monate hält man seitlich ab. Danach hält man sie mit dem Rücken zum eigenen Oberkörper und fordert sie mündlich dazu auf, z.B. in dem man „Bsssss“ macht. Wie gesagt, es geht um die Kommunikation. Erkennt man die Zeichen, empfehle ich dies dem Baby entsprechend mitzuteilen. Ihm erklären, was man nun macht: “Ich hole nun das Töpfchen. Ich ziehe Dir die Hose aus. Jetzt kannst du machen. Bssss.”

Abhalten kann man auf viele Arten. Manche bevorzugen es das Baby direkt über die Toilette oder ein Lavabo zu halten. Ich fand es jeweils mit dem Asia-Töpfchen zwischen den Beinen am bequemsten. Einerseits, weil eine Ausscheidung auch mal ein paar Sekunden oder Minuten auf sich warten lassen kann, andererseits weil das Baby doch immer schwerer wird. Ausserdem ist es in unserem Badezimmer eher kühl.

4. Wie oft soll ich mein Baby abhalten?

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Neugeborene pinkeln und stuhlen recht häufig. Erst ca. alle 20 Minuten, danach alle 45 Minuten. Später pendelt sich ein Rhythmus ein. Auch hier: Es geht nicht darum jede Ausscheidung aufzufangen. Es ist kein Wettkampf nach dem Motto: Wer die Zeichen seines Babys am besten erkennt, hat gewonnen. Halte Dein Baby immer dann ab, wenn Du merkst, dass es mal muss und wenn Du Zeit hast.

5. Ist das nicht ein Riesenstress?

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Nein, nicht wenn man ihn sich nicht selbst macht. Man darf dem Baby auch sagen, wenn es halt grad nicht geht mit dem Abhalten. Weil man gerade an der Supermarktkasse steht oder auf der Autobahn fährt.

6. Hast Du direkt nach der Geburt mit Windelfrei angefangen?

Jein. Nach der Geburt haben wir uns erstmal erholt. Wenn ich das Gefühl hatte, sie müsse, hab ich sie abgehalten. Aber es hatte ganz klar keine Priorität in den ersten Tagen. Auch für sie nicht.

7. Wo macht das Kind, wenn nicht in die Windel?

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Über dem WC, ins Waschbecken, unter einen Baum. Die Faulen nehmen ein Töpfchen. Dazu gibt’s noch einen Bezug, damits nicht kalt ist am Hintern. Für Unterwegs fand ich einen faltbaren Silikonhundenapf sehr praktisch. 

8. Braucht es zum Abhalten spezielle Bekleidung?

Am Anfang, wenn das Baby noch klein ist und es auch eher schnell gehen muss, fand ich es praktisch, wenn ich keinen Body aufknüpfen musste. Auch wenn ich das Backup einfach runterziehen konnte, fand ich das sehr hilfreich. Babylegs sind cool, weil so die Beine warm bleiben, auch wenn man den Po entblösst hat. Wer komplett auf ein Backup verzichten möchte, wird bestimmt an Splitpants Freude haben. Ich persönlich kam damit (leider) nicht klar. Stoffwindeln finde ich mit Windelfrei auch super, durch das Abhalten fällt wesentlich weniger Wäsche an.

9. Wie/womit wickelst Du sonst?

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Die ersten Tage wickelte ich mit Mullwindeln, dann mit Woll-Überhosen (ÜH) mit Einlage. Ich hab dann selbst noch ein paar ÜH genäht, da sie einfach praktischer sind zum hoch- und runterziehen. Als die Kleine etwas grösser war und auch die Urinmenge zunahm, habe ich auf Stoffwindeln umgestellt. Und in stressigeren Zeiten haben wir jeweils auf Ökowindeln zurückgegriffen. Auch jetzt wickeln wir mal so mal so. Wie es grad passt.

10. Und wie geht Windelfrei nachts?

Im Tiefschlaf pinkeln Babys nicht. Dennoch bin ich nachts auf Wegwerfwindeln umgestiegen, da die Kleine super schläft und sich nur zum Stillen meldet. Da mag ich nicht mehr Aufwand als nötig betreiben. Wir haben mal versucht nachts mit Stoffwindeln zu wickeln, aber ich müsste so viele Einlagen rein packen, dass sie sich kaum noch bewegen/drehen könnte. So schlief sie auch wesentlich schlechter. Also bleiben wir nachts bei den WWW, da dies uns allen die angenehmsten Nächte beschert. Hätte sie aber nachts angezeigt, wenn sie muss, hätte ich sie auf jeden Fall abgehalten. Lieber kurz abhalten und weiterschlafen, als ein Baby neben sich haben, das stunden lang vor sich hin stöhnt, sich hin und her wirft, weil es eigentlich mal müsste.

11. Wie geht Windelfrei in den ÖVs oder wenn ihr auf Besuch seid?

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Bei längeren Fahrten hab ich auch im Zug abgehalten. Ich habe einen faltbaren Hundenapf, der sich platzsparend in der Tasche verstauen lässt. So konnte ich sie bequem im Zugabteil abhalten. Das volle „Töpfli“ stellte ich dann unter den Sitz, zog die Kleine wieder an und konnte es danach auf dem Zug-WC leeren. Mir wurde sogar schon von Mitreisenden angeboten, das Töpfli für mich leeren zu gehen. Ich war wirklich positiv überrascht!

Auch auf Besuch oder bei den Stilltreffen der La Leche League handhabte ich dies so. Wirklich total easy. Was ich nicht machen würde, ist zu Tisch das Töpfli rausholen. So wenig wie ich nicht auf dem WC stillen möchte, möchte ich auch nicht, dass am Tisch ausgeschieden wird.

12. Funktioniert Windelfrei auch mit Papa, Grosseltern oder Erzieherinnen? 

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Ich arbeite wieder 70% seit meine Tochter 5 Monate alt ist. Während ich arbeite, betreut der Papa die Kinder. Er war vom Abhalten schnell überzeugt und hat es auch alleine praktiziert. So gehört es zum Beispiel zu seinem Morgenritual mit der Kleinen, dass er ihr das Pijama auszieht, sie wickelt und aufs Töpfchen setzt, wo sie immer ihr „Morgen-Bisi“ macht. Da bei uns weder Grosseltern noch Erzieherinnen zum Einsatz kommen, kann ich darüber nichts sagen. Ich würde es aber auf jeden Fall ansprechen, erklären und fragen, ob sie offen wären, dies zu versuchen. Es ist ja auch anderen Betreuungspersonen kein Gefallen getan, wenn sie ein Kind hüten, welches sich wegen seiner Ausscheidungen quält.

13. Ist Windelfrei nicht eine Konditionierung und anstrengend für Babies?

Im Gegenteil, bei Windelfrei geht es darum die Bedürfnisse des Babys zu erkennen und einzusehen, dass es kompetent ist und mehr kann, als wir denken. Nicht Babies müssen lernen trocken zu werden, sondern die Eltern auf Signale ihrer Babies zu achten. Diese Methode ist so alt wie die Menschheit selbst, in Asien und Afrika tragen Eltern ihre Babies nackt auf ihren Körper ohne beschmutzt zu werden.

Vorteile von Windelfrei

  • Kein unangenehmes Zurückhalten der Ausscheidungen.
  • Windelkzem, Wundsein wird ausgeschlossen.
  • Weniger Abfall schont die Umwelt und das Familienbudget.
  • Ohne Windeln hat das Baby mehr Bewegungsfreiheit beim Krabbeln, erstem Laufenlernen etc.
  • Die Beziehung zwischen Eltern und Baby wird noch vertrauter.

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Die fantastischen Bilder hat die Familienfotografin Simona Dietiker von Momoland Photo gemacht. Tausend Dank an dieser Stelle für unsere schöne Zusammenarbeit, liebe Simona! Ihr wollt auch solche Bilder von eurer Familie? Simona Dietiker beantwortet alle Fragen: www.momolandphoto.ch


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Cinthia Leuzinger
Cinthia lebt mit ihren drei Kindern (9, knapp 4 und 1) und ihrem Ehemann Neckys in ihrem Elternhaus in Schaffhausen. Sie kann fast jedes Problem mit Kokosöl lösen, deshalb wurde ihr auf Facebook eine eigene Gruppe gewidmet.

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